Wie mein Opa mich das Fliegen lehrte

Meine Geschichten spielen alle in meiner Fantasie Stadt Shangri La , wo alles möglich ist....

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Mein Bruder hat, als er sehr klein war, mal zu meinem Daddy das leicht unverständliche Wort „Dädalus“ gebrabbelt. Das fand meine Mutter so süß, dass sie meinte, ihr nächstes Kind auf jeden Fall „Ikarus“ nennen zu müssen. Und so traf es mich, obwohl ich ein Mädchen bin. Gemäß meines Namensvetters versuche ich auch, nach dem Licht zu greifen und Freiheit zu spüren. Deshalb trage ich als Symbol dafür immer Federflügel auf dem Rücken. Ich bin der Meinung, die Gedanken sind frei und man kann ihnen so Ausdruck verleihen. Mein Vater ist der Meinung, dass ich spinne, und mein Schulpsychologe versucht mich in regelmäßigen Abständen davon zu überzeugen, dass diese Phase vorbeigeht. Ich allerdings finde mich sehr in Ordnung, genau wie mein Opa, der übrigens der einzige ist, der mich versteht. Er hat sogar Stoffflügel an meinen Teddybären genäht, mit mir Bilder von Engeln gemalt, und unser größtes Projekt war es, eine Flugmaschine zu bauen, die allerdings nur mit dem Hinterteil abhob, bevor sie sich überschlug. Jeden Tag nach der Schule bin ich auf meinem weißen Pegasus-Roller zu ihm gefahren, und wir haben uns Spinnereien erzählt. Unsere Worte erhielten sozusagen Flügel und hoben vollkommen ab. Immer konnte ich mich ihm anvertrauen, und wenn ich mich unverstanden fühlte, verstand er mich. Er legte seine Hände auf mein Herz und sah mir tief in die Augen und sein Mund formte ein Lächeln, wenn er sagte:“ Du wirst dir schon selber helfen.“ Sofort wurde mir dann besser und ich beruhigte mich.

Eines Tages, wir bauten gerade wieder Luftschlösser und ließen dabei im Park Drachen steigen, bat mich mein Opa, seine Federn im Wind zu verstreuen. Das ist ein alter Brauch den amerikanische Ureinwohner vollziehen, wenn sie sterben. Ich war geschockt, obwohl ich wusste, dass mein Opa schon seit langem krank war und sehr litt.

Als er starb, ging die Welt für mich unter, und ich konnte zuerst gar nichts mehr. Dem letzten Willen meines Opas wollte ich nachkommen und seine Asche im Park verteilen. Dazu ließ ich in seinem Gedenken einen Drachen steigen. Ich öffnete die Urne, und die Asche verteilte sich im Wind, wobei ich sehr an meinen Opa dachte und wie er mir immer beistand. Also hörte ich auf ihn und half mir selbst, in dem ich mir die Hand aufs Herz legte und mich beruhigte. Der Wind trug die Asche in die Höhe und ich warf meine Flügel dem Wind hinterher, der sie mit sich nahm, und zum ersten mal flogen meine Flügel.

Mein Opa hatte mir das Wertvollste gegeben, was man einem Menschen schenken kann, indem er mir mit dem einen Satz das weitergab, was er in seinem ganzen Leben gelernt hatte. Ich liebte ihn umso mehr und gönnte ihm seine Erlösung.

ENDE.

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