Prudence

❝ Träume entstehen, damit sie Wirklichkeit werden.❞

Nach dem Tod ihrer besten Freundin bricht für Liah eine Welt zusammen, doch anstatt sich mit dem Ende von Prudence abzufinden, beschließt sie kurzer Hand, die Traum-Liste ihrer Freundin abzuarbeiten und zwar Punkt für Punkt ... doch ein Punkt war nicht geplant: ein Regisseur, welcher sie Punkt für Punkt von ihrem eigentlichen Plan entfernt.



❝ Ich habe es dir versprochen. Ich werde deine Träume verwirklichen, komme was wolle, ich werde alles mit deinen Augen sehen, ich werde alles mit deinen Gefühlen fühlen, vor allem aber werde ich mit deinen Worten sprechen. ❞


Für Simone ♥
Denn ein Regenbogen könnte nie ohne die Sonne und den Regen entstehen.


©hrissyssecret, 2015

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7. Kapitel 6

 

•sechs•

Australien ist zwar am anderen Ende der Welt, doch ich denke, dass wir dort nicht unser Ende finden werden. Viel mehr glaube ich, dass wir dort unseren Anfang haben werden. Du musst es mit einem leeren Buch vergleichen, mit unserer Geburt wird der Prolog geschrieben, dann werden viele einzelne Kapitel hinzugefügt und unser Tod wird der Epilog sein. 

DER FLUGHAFEN WAR überfüllt von gestressten Personen, ich hatte schon in England immer das Gefühl gehabt, dass das Leben schnell und stressig war, doch Australien war um einiges schneller und gestresster. Egal wohin ich meinen Blick schweifen ließ, rannten Businessmenschen kreuz und quer durch die Halle. Jeder von ihnen besaß einen kleinen Koffer, ein Handy oder ein Tablett und zwei Augen. Keiner von ihnen kümmerte sich auch nur für eine Sekunde, um seine Umwelt und die anderen Personen in dieser Halle.

Seufzend ließ mich auf einer schmalen Bank vor einem Blumentopf nieder und kramte in meiner Tasche nach meinem Handy, um erstens meinen Eltern Bescheid zu geben, das ich gut gelandet, jedoch sehr erschöpft war, und zweitens, um Jason zu schreiben, dass ich mich irgendwo am Flughafen befand.

Ich hatte Jason noch nie zu vor in Wirklichkeit gesehen, er hatte mir einige Tage vor meiner Abreise ein Bild von sich gesendet, auf denen seine markanten Gesichtszüge und seine dunkel-braunen Augen besonders hervorstachen. Er war zwanzig Jahre alt und arbeitete als Produzent, von Kurzfilmen, in der Agentur und war ein Freund der Geschäftsführer Familie. Mehr wusste ich nicht über ihn.

Damals hatte er mir über E-Mail angeboten mich am Flughafen abzuholen und in meine Unterkunft zu bringen. Ich hatte bereits im Vorfeld ein kleines Einzimmer-Apartment im Norden der Stadt angemietet. Im Internet wurde dieser Stadtteil als familiär und ruhig beschrieben und auch Jason hatte mir zu diesem Apartment geraten. Ich glaubte mich zu erinnern, dass er selbst noch zuhause bei seinen Eltern wohnte, aber ich war mir nicht wirklich sicher.

'Der Neue hat der ganz schön den Kopf verdreht...', lachte Prudence und warf sich mit ihrer bewässerten Straßenkleidung auf mein Bett. Wir waren gerade noch halbwegs einem Regenguss entkommen. 'Liah? ', fragte sie und setzte sich gerade hin, da ich auch nach gefühlten Sekunden keinen Ton von mir gab.

Stattdessen versuchte ich mit meinen Händen mein errötetes Gesicht zu verbergen. Normalerweise war es mir vor Prudence nicht peinlich. Ich hatte ihr immer gesagt, wenn ich einen Jungen attraktiv gefunden hatte, aber es waren immer nur kleine Schwärmereien, doch diesmal hatte ich das Gefühl, dass ich ihn besser fand, als alle anderen Jungs an unserer Schule.

Ich wusste nichts über den Neuen, wie ihn alle nannten, nur dass er von Texas nach England gezogen und seit einer Woche auf unserer Schule gewesen war. 'Er heißt übrigens Austin', lachte meine beste Freundin wieder und streifte sich die Ärmel ihrer Lederjacke von ihren Oberarmen. Mit aufgerissenen Augen starrte ich Prudence an.

'Woher weißt du das?', fragte ich sie und setzte mich an das Ende des Bettes. 'Hab so meine Quellen', kicherte sie wieder leise. 'Er ist übrigens sechzehn und trainiert jeden Dienstag und Freitag mit Troy auf dem Fußballfeld.' Wenn es etwas Wichtiges im Leben von Prudence gab, war es Troy, mit dem sie aber noch nie in ihrem Leben auch nur ein Wort gewechselt hatte und mit dem sie auch nie wieder ein Wort wechseln würde.

Wir hatten kein einziges Training mehr verpasst und jeden Samstag unsere Heimmannschaft am örtlichen Fußballfeld lautstark unterstützt.

'Jetzt liebst du es ...', hatte sie damals gelacht und sich neben mir mit zwei Flaschen Cola niedergelassen. Dankend nahm ich eine der Flaschen an und drehte den Stöpsel ab. 'Gehst du eigentlich mit Austin auf den Abschlussball?', fragte sie mich und wechselte ihren Blick zwischen meinem Gesicht und dem Feld hin und her.

Ich nickte leicht, 'Ja er hat mich gestern gefragt', sagte ich und versuchte ihrem Blick auszuweichen. Im Augenwinkel sah ich wie ihr Gesicht zu Eis erstarrte. Ich war mir nicht sicher, ob es daran lag, dass ich einen Jungen für meinen Abschlussball hatte und sie nicht oder, ob sie Austin einfach nicht mochte. 'Ok', flüsterte sie leise. 'Ich habe keine Begleitung', sagte sie emotionslos und nahm einen kräftigen Schluck. Das Schlimmste an der Sache jedoch war, dass ich ihr damals eingeredet hatte, dass ich ihr für ihren Abschlussball eine Begleitung suchen würde, ich hätte dafür sogar Troy gefragt, doch Prudence hatte nie einen Abschlussball.

Ich hatte mich in Austin verliebt und bis zum letzten Moment gedacht, er würde das Gleiche fühlen. Aber Austin war einer dieser Frösche, die es an der High-School zu Genüge gab. 'Na wie küsst er? '. fragte mich Prudence und wackelte mit ihren Augenbrauen. 'Gut', antwortete ich und versuchte das Thema zu wechseln.

Austin war damals mein erster Kuss gewesen und ich hatte mir nach den drei Wochen, in denen wir uns ab und an verabredet hatten, geschworen, nie wieder einen Jungen zu küssen. Ich hatte damals den Glauben in die große Liebe verloren. Austins Familie hatte nach einem Jahr unser kleines Dorf wieder verlassen und waren in den Norden gezogen.

"Mum?", fragte ich, als am anderen Ende der Leitung ein lautes Rauschen entstand. "Mum?" Ich nahm mein Handy in die Hand und tippte ab Display auf und ab.

"Liah, Schatz", sagte sie nach einigen Sekunden, in denen das Rauschen nicht verschwunden war und dauernd meine Stimme rückkoppelte. "Wie geht es dir?" Sie klang erleichtert, als sie meine Stimme hörte.

"Mir geht es gut", kicherte ich, da ich gerade ein kleines Kind dabei beobachtete, wie es sein ganzes Shirt mit Schokolade vollgeschmiert hatte. "Ich bin so müde", sagte ich und musste gähnen. Ich war noch nie so weit von zu Hause entfernt und so hatte ich auch keine Ahnung, wie man am besten mit einem Jetlag klar kam. Immerhin betrug der Zeitunterschied zehn Stunden.

Mum gähnte ebenfalls am anderen Ende der Leitung. "Bei uns ist es ein Uhr in der Früh, Schatz", sagte sie. "Ich weiß, Mum."

"Wie war dein Flug? Ist Jason schon bei dir? Geht es dir wirklich gut?", fragte sie, ohne einen Luftzug zu holen.

"Mum mir geht es wirklich gut", kicherte ich müde in den Hörer und unterbrach sie somit, "und nein, Jason ist noch nicht bei mir, ich muss ihn noch anrufen und der Flug war sehr anstrengend, aber ich habe sicher sieben Stunden davon verschlafen."

"Ich vermisse dich schon jetzt, Engel", seufzte Mum. "Ich euch auch", murmelte ich und versuchte meine Tränen zurück zu halten. In diesem Moment fühlte sich alles so unwirklich an, so als würde ich in einem weiteren Traum leben und in den nächsten Sekunden aufwachen.

"Mum", sagte ich, nach dem sie auf der anderen Seite nichts erwiderte, "ich werde jetzt auflegen, ich muss Jason anrufen und dann möchte ich erst einmal ins Bett. Sag Dad und Finn bitte, dass ich sie auch lieb habe und ich melde mich morgen bei dir."

"Ist gut, Engel. Pass auf dich auf."

"Bis morgen Mum", sagte ich und hauchte einen Kuss auf mein Display. Obwohl wir in letzter Zeit nicht gerade das Beste Verhältnis gehabt hatten, so vermisste ich meine Mum sehr.

Nachdem ich Jason erreicht und ihm mittgeteilt hatte, wo ich zu finden war, setzte ich mich in eines der vielen Imbisse am Flughafen. Ich hatte schon seit fast einem Tag keine warme Mahlzeit mehr zu mir genommen.

'Ich würde doch nur einmal für einen Tag mit dir tauschen wollen', seufzte Prudence und setzte sich auf die Küchenplatte. 'Wieso?', lachte ich und drehte mich kurz von den Töpfen, die auf der Herdplatte standen weg und betrachtete meine beste Freundin skeptisch. Sie hatte mir niemals gesagt, dass sie so sein wollte wie ich es damals war.

Ich hatte mir immer gewünscht für einen Tag mit Prudence das Leben zu tauschen. Für mich war sie in vielen Bereichen ein Vorbild, doch am meisten wünschte ich mir ihre unkomplizierte Art und die Weise, wie sie die verschiedensten Dinge betrachtete.

Für sie war das Glas nie leer, für sie war es ständig halbvoll. 'Weil du so gut kochen und backen kannst', sie fuhr mit ihren Finger durch die Zitronen-Joghurt-Masse und kostete sie. 'Siehst du, du kannst sogar aus den einfachsten Zutaten etwas Besonderes zaubern, Liah', seufzte sie und wollte erneut ihren Finger in die Schüssel stecken, doch ich zog sie an mich.

'Liah', bettelte Prudence, doch ich schüttelte lediglich meinen Kopf, 'iss die Masse nicht vorher weg, bevor die Torte die gehört', lachte ich. 'Wenn ich sie jetzt esse, muss ich mit niemanden teilen', lachte sie lautstark. Ihr Lachen erhellte jedes Mal, den auch noch so dunkelsten Raum und zwang jeden Menschen in ihrem Umfeld mit einzusteigen.

'Weißt du was das Schlimmste am Leben ist?', hatte sie mich damals an ihrem Krankenbett gefragt und ihre Finger mit meinen verzweigt. Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, jedoch konnte ich es nicht, sie hatte mir damals gerade von ihrer Diagnose erzählt und das die Ärzte bereits eine Heilung ausgeschlossen hatten.

'Nein', murmelte ich leise und Prudence lachte, wie sie es immer getan hatte. 'Wenn ein Mensch nicht mehr in der Lage ist zu lachen', sagte sie als wären diese Worte, die Normalsten, die man sagen konnte, wenn man die Nachricht bekam, das man vermutlich nur mehr ein Jahr zu leben hatte.

'Prudence', sagte ich schwach und sah in ihre grünen Augen, die im Gegensatz zu meinen, keine einzige Träne hatten. 'Wieso weinst du?', fragte sie mich plötzlich und verstärkte den Griff unserer Finger. 'Warum ich weine?', schrie ich halblaut, verstummte jedoch sofort wieder, da sie in ihrem Bett zusammen gezuckt war. Ihre Augen starrten mich erwartungsvoll an. 'Warum ich weine', flüsterte ich leise, 'weil du krank bist, Prudence, weil ich meine beste Freundin verlieren werde.' Sie lachte leicht.

'Ich lebe noch mindestens ein Jahr', sagte sie, 'du und ich haben noch ein Jahr.'

'Wir haben nur mehr ein Jahr', murmelte ich leise und versuchte weitere aufsteigende Tränen so gut es möglich war zu unterdrücken. Es war nicht fair das ein Mensch, wie Prudence nicht einmal mehr vierhundert Tage zu leben hatte. Es war unfair einem Menschen wie ihr gegenüber. Sie hatte Pläne und Träume, die sie nie mehr alle hätte erfüllen können, zudem ihr Gesundheitszustand lauter der Ärzte rapide sinken würde.

Wenn es auf dieser Welt nur einen Funken an Gerechtigkeit gegeben hätte, so hätte ich mir gewünscht, das Prudence geheilt hätte werden können. Doch es gab auf dieser Welt keine Gerechtigkeit, denn würde es Gerechtigkeit geben, würde dieses blonde Mädchen nach wie vor lebendig sein. 'Nein, Liah', lachte sie leise, und blickte mich kurz mit ihren grünen Augen an, 'du siehst alles falsch, du musst mich noch ein Jahr ertragen.' Genau genommen hatten wir noch eineinhalb Jahre gehabt.

"Liah?", fragte plötzlich eine tiefe Stimme und lies mich erschreckend umdrehen. "Jason?", lachte ich, als ich ein Gesicht mit dunkel-braunen Augen und Drei-Tage-Bart erblickte. "Der einzig wahre", lachte er und zog mich in eine Umarmung. "Freu mich, dich endlich Angesicht zu Angesicht kennenzulernen."

"Ebenso", erwiderte ich lächelnd. Jason war einen guten Kopf größer als ich. "Wie war dein Flug?", fragte er und nahm meinen großen Koffer in seine Hand. "Ansträngend ich bin so müde", murmelte ich und musste gähnen. "Dann werde ich dich gleich ins Hotel bringen."

"Hotel?", fragte ich und blieb am Stand, mitten in der Ausgangshalle, stehen. Ich hatte gedacht er würde mich zu meiner neuen Unterkunft fahren.

Jason drehte sich um und ging die wenigen Schritte zurück. "Ja, Hotel", lachte er. "Es gibt da eine kleine Planänderung."

"Planänderung?", unterbrach ich ihn gähnend, legte jedoch meine Stirn in kleine Fältchen, genauso wie es Prudence immer gemacht hatte, wenn sie etwas nie wirklich verstanden hatte.

"Ja, Mr. Tomlinson Senior möchte dich bereits heute am Abend begrüßen. Er hat einen kleinen Empfang in einer seiner Seminarräume, die sich in diesem Hotel befinden, geplant."

"Ich d-dachte, ich müsste es Übermorgen bei ihm im Büro vorbeikommen?", stotterte ich und gähnte erneut.

"Ich weiß auch nicht warum. Ich weiß nur, dass ich dich jetzt ins Hotel bringe, du etwas zu Essen bekommst und danach schlafen gehst und am Abend wirst du erwartet."

Schlagartig wurde mir mulmig zu Mute. Ich war noch nicht auf so eine schnelle Begegnung vorbereitet. Ich hatte ehrlich gesagt nie im Leben damit gerechnet, gleich an meinem ersten Tag, Mr. Tomlinson, kennen zu lernen und ich war müde. Sehr müde.

Nervös sein kannst du vor einem Zahnarzttermin', lachte Prudence und schlug mir freundschaftlich auf die Schuler. 'Du legst jetzt deine Hand auf den Griff dieser Türe, öffnest sie und dann trittst du ein...', sie deutete auf die große Holztüre. 'Prudence', ermahnte ich sie genervt. Ich hatte wirklich keine Nerven für ihre Scherze in diesem Moment gehabt.

'Du gehst da jetzt rein, machst die Prüfung des Jahrhunderts, zeigst allen was du für ein Streber bist ...', sie lachte laut auf und ich schenkte ihr darauf meinen verachtensten und finstersten Blick, 'jetzt im Ernst, du gehst da jetzt rein und zeigst ihnen wer hier die Beste, Schönste, Tollste, Verrückteste und vor allem Klügste hier in dieser Highschool ist '

'Weißt du, dass du einem immer Mut machen kannst', lachte ich und hing mir meine kleine Handtasche um, 'Nein, Liah, dafür sind beste Freundinnen da. Sie stehen einem bei, sie machen einem Mut, sie helfen einander, sie unterstützen sich und sie zwingen einander zu lebensnotwendigen Prüfungen anzutreten.'

Während des Satzes hatte sie die ganze Zeit über ein Schmunzeln auf den Lippen. Ich wusste, dass sie alles sagen würde, um mir Mut zu machen und das sie Prüfungen wirklich nicht lebensnotwendig fand, doch sie sagte es, damit ich mich traute und endlich den Prüfungsraum betrat.

Prudence sagte es nicht, weil sie meine beste Freundin war, sondern sie sagte es, weil es die Wahrheit war. Ich hatte gelernt, ich war vorbereitet, ich war bereit. Damals hatte ich mich noch kurz umgedreht und ihr leise zugeflüstert, dass ich in zwei Jahren ihr die gleichen Worte sagen werde und Prudence hatte ihr wunderschönes Lächeln gelächelt.

Ich war mir sicher, dass wir in zwei Jahren, nur in verkehrten Rollen wieder am gleichen Ort stehen würden. Ich hatte damals nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, wo anders zu stehen und schon gar nicht hatte ich mit diesem Gedanken gespielt, auf einem Friedhof –auf der Beerdigung meiner besten Freundin-, zu stehen.

"Wenn ich bitten darf", lachte Jason und streckte mir seine Hand entgegen. Wieder einmal war ich so in meinen Gedanken versunken, dass ich nicht mitbekommen hatte, dass wir bereits an seinem Auto angekommen waren. "Du warst im Gedanken", stellte er fest und packte meinen kleinen Koffer ebenfalls in den Kofferraum.

"Nein, nein", log ich und schenkte ihm ein schwaches Lächeln, "ich bin nur fast vorm Einschlafen."

"Um zwei Uhr nachmittags?", fragte er und zog die Augenbraue seines rechten Auges nach oben und lachte.

"Zuhause wäre es erst zwei Uhr nachts", gab ich schulterzuckend von mir, "ich hatte noch nie in meinem Leben ein Jetlag."

"Im Hotel nimmst du erst einmal eine eiskalte Dusche, danach isst du was, dann gehst du schlafen und danach bist du garantiert eine neue Liah", lachte er und öffnete die Türe des Beifahrersitzes. "Madame", lachte er, "wenn ich bitten darf."

"Danke", sagte ich und stieg ein. Die Sitze des Wagens waren um einiges bequemer, als die des Flugzeuges. Die Inneneinrichtung war ziemlich schlicht gehalten, jedoch der Radio war mehr als High-Tech und blinkte in allen möglichen Farben, als Jason den Motor des Wagens startete.

"Warum eigentlich Australien?", fragte er mich plötzlich, nachdem wir uns gefühlte Minuten angeschwiegen hatten. Um ehrlich zu sein, wolle ich nicht sprechen, ich wollte einfach meinen Kopf an der kühlen Fensterscheibe anlehnen und die vorbeiziehenden Palmen der Uferpromenade beobachten. Der Highway auf dem wir fuhren, führte eine Straße, parallel zum Meer.

Ich war mir sicher, dass Prudence diesen Ausblick mehr als geliebt hätte. Es war immerhin immer ihr Traum gewesen, einen Surf Kurs am australischen Strand zu machen und auf den Wellen zu reiten. Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, wieso Menschen sich zu einer solchen Schnappsidee überreden ließen oder es sogar freiwillig machten. Für mich war alleine der Anblick im Fernsehen beängstigend.

"Was?", fragte ich Jason und starrte ihn von der Seite an. Jedes Mal, wenn er lächelte, bildeten sich kleine unscheinbare Lachfältchen auf seiner linken Backe.

"Warum du genau Australien für dein Praktikum ausgewählt hast?", fragte er, sah jedoch wieder zurück auf die Straße.

'Warum Australien, Prudence? Warum', fragte ich und blätterte die Werbebroschüren durch, 'Amerika wäre viel aufregender. Du weißt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und so', sagte ich und versuchte meine beste Freundin davon zu überzeugen, dass Amerika definitiv die bessere Wahl für unser Auslandsjahr wäre.

'Nach Amerika geht doch jeder', lachte sie, 'ich will im australischen Outback mit dem schnellsten Lamborghini der Welt über die Felder düsen und ich möchte echte Ureinwohner kennen lernen', sagte sie und lieferte somit ein Gegenargument. 'Du kannst auch in Amerika mit deinem schnellsten Auto durch die Gegend düsen und echte Indianer kennenlernen', meinte ich und reichte ihr die Keksschachtel.

Sie nahm einen Keks und versuchte mich mit vollgestopftem Mund weiter von ihren Argumenten, wie toll Australien doch wäre, zu überzeugen. 'Und es ist das ganze Jahr über warm und...', lachte sie laut und nahm einen weiteren Keks, '...wir können Weihnachten am Strand verbringen', sagte sie. 'Und zu Silvester fliegen wir nach New York und dort feiern wir am Times Square in das neue Jahr.'

"Weil es hier das ganze Jahr über warm ist, ich endlich echte Ureinwohner kennenlerne und Weihnachten am Strand verbringen kann", sagte ich und gab somit die Worte von Prudence wieder. Ich denke, sie hätte in diesem Moment Jason mit vielen weiteren Worten bombardiert, was sie alles an diesem Land lieben würde.

"Gute Argumente", lachte er und bog in eine Seitenstraße ein. Plötzlich war der Sandstrand, das Meer und die wunderschönen Palmen verschwunden, stattdessen begannen Betonbauten vor meinen Augen zu erscheinen.

"Du wirst es in der Agentur lieben", sagte er und schaltete in den zweiten Gang, da die Straße plötzlich ziemlich kurvenreich wurde. "Louis, der Sohn des Geschäftsführers, ist mein bester Freund und er ist der witzigste Mensch, den ich jemals in meinem Leben kennen lernen durfte", lachte Jason. Seine Worte versetzten meinem Herzen einen Stich.

Sein bester Freund konnte nicht die witzigste Person auf dieser Welt sein, denn die Witzigste Person auf dieser Welt war tot. Prudence ist die Witzigste Person dieser Welt und nicht sein bester Freund.

'Wir werden so einen Spaß haben in Australien', lachte Prudence damals, 'Ich meine, viele vergleichen diesen kleinen Kontinenten mit dem Ende der Welt, doch ich denke, das Australien nur das andere Ende der Welt bildet und ich glaube auch, dass wir beide dort nie im Leben unser Ende finden werden. Weißt du unser Leben kann man ganz einfach mit einem leeren Buch vergleichen. Australien wird der Prolog werden, danach werden ganz viele Seiten folgen und den Epilog werden wir schreiben wenn wir Hundert sind. Und weißt du was, Liah? Unsere Kinder und deren Kinder werden eines Tages unsere Fortsetzung schreiben.'

 

 

 

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