Prudence

❝ Träume entstehen, damit sie Wirklichkeit werden.❞

Nach dem Tod ihrer besten Freundin bricht für Liah eine Welt zusammen, doch anstatt sich mit dem Ende von Prudence abzufinden, beschließt sie kurzer Hand, die Traum-Liste ihrer Freundin abzuarbeiten und zwar Punkt für Punkt ... doch ein Punkt war nicht geplant: ein Regisseur, welcher sie Punkt für Punkt von ihrem eigentlichen Plan entfernt.



❝ Ich habe es dir versprochen. Ich werde deine Träume verwirklichen, komme was wolle, ich werde alles mit deinen Augen sehen, ich werde alles mit deinen Gefühlen fühlen, vor allem aber werde ich mit deinen Worten sprechen. ❞


Für Simone ♥
Denn ein Regenbogen könnte nie ohne die Sonne und den Regen entstehen.


©hrissyssecret, 2015

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6. Kapitel 5

 

•fünf•

❝ Wir wollen doch alle die Welt sehen, uns verlieben und einfach glücklich sein. Glaubst du nicht, dass es zu viel verlangt wäre, dieses Leben leben zu können? 

ES IST DIESES mulmig-bedrückende Gefühl, welches mich schneller als jemals zu vor übermannt, als mein Koffer auf dem Förderband aus meiner Sicht im Hinterbereich des Check-Ins verschwindet, um anschließend in die große graue Maschine in Richtung Australien verladen wird. Auch die Sicherheitskontrolle ist bereits geöffnet. Menschenmassen strömen auf die fünf Kontrollen zu und bilden diese vorbildhafte Schlange, mit ihren Pässen in den Händen und dem leichten Gepäck auf dem Rücken.

"Musst du auch durch diesen Scanner gehen?" Finn's Augen strahlen mich aufgeregt an, erst als ich nicke, senkt der kleine Junge seinen Kopf. "Kann ich mitkommen, Daddy?", fragt er und blickt unseren Vater an, welcher jedoch nur seinen Kopf schüttelt und diese Frage mit einen einfachen "Nein" seinerseits abtut.

"Aber dann kommt Liah doch auch nicht mehr zurück, oder?" Finn klingt traurig und obwohl er mich die ganze Zeit über ansieht, weiß ich, dass er diese Frage an Dad gestellt hat. Dieser Moment bricht mein Herz in weitere kleine Stücke. Ich hasste es, Finn traurig zu machen ... oder traurig zu sehen. Finn sollte doch lachen und eine unbeschwerte Kindheit haben, genauso wie ich sie doch auch hatte.

"Finn", lache ich leise und versuche somit meine weinerliche Stimme bestmöglich zu überspielen. "Du willst doch einen Koala und ein Didgeridoo, oder?" Ich gehe in die Hocke, um auf Augenhöhe mit meinem kleinen Bruder zu sein. Aufgeregt nickt dieser. "Dann muss ich jetzt aber da durch gehen", ich deute auf die Schlange vor der Sicherheitsabsperrung. "Sonst kann ich dir keinen Koala besorgen."

Ich bin mir an dieser Stelle überhaupt nicht sicher, wie lange ich in Australien bleiben werde oder was alles auf mich zukommen wird. Vielleicht würde ich wirklich das Abenteuer meines Lebens am anderen Ende der Welt erleben. Vielleicht werde ich aber einen weiteren Tiefpunkt erreichen. Aber kommt nach einem Tiefpunkt nicht immer irgendwie ein Punkt, wo es wieder stückweise Bergauf geht?

"Aber du musst Luke auch einen Koala mitbringen, ja?" Finn's Augen beginnen wieder zu strahlen. "Versprochen, Kleiner", erwidere ich und wuschle ihm ein letztes Mal für einen unbestimmten Zeitraum durch die Haare.

Es ist eigenartig mit einem Art One-Way-Ticket in die Ferne zu reißen, ohne zu wissen, welches Datum am Rückflug-Ticket stehen wird. Vereinzelt stürmen Menschen aufgeregt an uns vorbei, während sich andere noch immer von ihren Freunden und Familien verabschieden.

"Dad", seufze ich und umarme ihn, während Luke seine kleine Arme um mein rechtes Bein schlingt. In diesem Moment scheint es ihm egal zu sein, dass sein geliebter Fußball mit dem gefliesten Boden Bekanntschaft macht.

'Wenn es kein Zurück mehr gibt, sollte man nach vorne sehen', sagte Prudence immer und lachte daraufhin so unvorstellbar laut los. 'Ich möchte wissen was die Zukunft für mich bereithält, wer weiß, wie lange ich noch lebe.'

Es waren exakt nur mehr fünf Jahre und fünf Monate gewesen, als sie diesen Satz das erste Mal über ihre Lippen brachte.

Prudence war ein Mensch, der immer versuchte in der Vergangenheit zu leben und Vergangenheit. 'Vielleicht würde ich die Zeit gerne zurück drehen, Prudence', sagte ich damals. Im Hier und Jetzt würde ich mir nichts mehr wünschen, als die Zeit zurückdrehen zu können und ihr verrücktes Wesen jeden Tag erleben zu dürfen.

In der linken Hand halte ich mein kleines weißes Täschchen, mit meinem Reisepass, ein wenig Geld und meinem Handy, die andere platziere ich schließlich auf meinem kleinen Koffer, den ich mit ins Flugzeug nehmen werde.

"Sag Mum, dass ich sie liebe", flüstere ich kaum hörbar, doch mein Dad schien mich auch mit minimaler Lautstärke zu verstehen.

Mum hat sich bis zum letzten Moment nicht überwinden können, mich zum Flughafen zu begleiten, doch im Nachhinein ist es sowieso besser, denn sie ist bereits zu Hause in ein Tränenmeer ausgebrochen. Und vermutlich würde ich mit ihrer Anwesenheit auch wieder weinen.

Dad war an dieser Stelle schon etwas abgehärteter und Finn war wieder der Meinung, ich würde nur einen langen Urlaub, auf der anderen Seite des Globusses, machen. Noch vor wenigen Tage habe ich ihm erklärt, wo genau sich Australien befindet und wo Großbritannien ist, danach ist er zu dem Entschluss gekommen, wenn er mich vermissen würde, würde er einfach zusammen mit Luke ein Loch im Hintergarten puddeln und mich besuchen kommen.

Ich finde die Idee nach wie vor süß, doch natürlich ist mir bewusst, dass dies unmöglich ist. Genauso unmöglich wie zu hoffen, dass Prudence nach ihrer Abwesenheit wieder zurück nach Brighton kommt.

"Pass gut auf dich auf, Prinzessin", sagt Dad und drückt mir einen langen Kuss auf meine Stirn. "Und du weißt wo dein Zuhause ist", meint er ernst. Ich wusste, dass meine Eltern immer hinter mir stehen würden, egal wofür ich mich letzten Endes entscheide. Sie würden mich auch unterstützen, wenn ich schon nach zwei Tagen wieder nach Hause zurück wollen würde.

"Ja, Dad", sage ich und versuche die hochsteigenden Tränen so gut es geht zu unterdrücken. Ich habe  Abschiede schon immer mehr als gehasst, doch zum Glück war dieser Abschied nicht für immer.

"Es ist nur das andere Ende der Welt und nicht unser Ende", sagte ich am Friedhof zu Prudence, als ich mich leicht lächelnd von ihrem Grabstein erhob. "Du weißt, dass diese Freundschaft für immer anhalten wird."

Spätestens in einem Jahr würde ich wieder auf diesem Flughafen mit meinen Koffern und einem weiteren Koffer, voller Erfahrungen und Erinnerungen, landen. Ich wollte, dieses Jahr einerseits dafür nützen, um das Praktikum in einer der besten Werbeagenturen der Welt zu machen und andererseits die Träume von Prudence verwirklichen.

Prudence und ich haben jahrelang geplant, bis zu diesem Augenblick geplant. Sie wollte nach ihrem Abschluss ein Auslandsjahr als Au Pair in Australien machen und ich ein Praktikum. Wir wollten zusammen das Abenteuer unseres Lebens erleben. Doch es ist unmöglich einen Plan zu planen, am Ende kommt es immer anders.

'Siehst du das ist die Goldküste', lachte Prudence und deutete auf ein Bild im Reisemagazin. 'Aha', sagte ich gedankenverloren, da ich in diesem Moment andere Probleme hatte, als hochbearbeitete Bilder von traumhaften Sandstränden und hellblauem Wasser anzusehen. 'Was ist los?', fragte sie mich und rückte näher an mich heran.

Wenn ich es mir fest genug einbildete, strahlten ihre Augen Besorgnis aus. 'Nichts', lachte ich leicht und stand vom Sofa aus. 'Nein?', fragte sie und legte ihre Stirn erneut in kleine Fältchen. 'Nein.. .', murmelte ich leise vor mich hin, '...ach weißt du ich habe Angst', sagte ich und lief in meinem Zimmer auf und ab.

'Vor diesen blöden Prüfungen?', lachte sie und warf mein Geschichtebuch auf die andere Seite des Zimmers. 'Ja vor diesen Prüfungen', sagte ich ernst, 'wenn ich sie nicht schaffe, kannst du alleine nach Australien fliegen.' Ich hatte eine riesen Angst vor meinen Abschlussprüfungen, ich hatte die Tage zu vor kaum geschlafen und wenn Mum mir nicht ständig Kräutertropfen eingeflößt hätte, wäre ich schreiend am Boden gelegen.

Ich wusste, dass diese Tropfen ganz und gar homöopathisch waren und die Angst nicht wirklich nehmen konnten, doch alleine der Gedanke daran, half mir. Prudence lachte laut auf und erhellte mein gesamtes Zimmer mit ihrem kehligen Lachen. 'Du kannst jeden einzelnen Satz in diesem blöden Buch auswendig.' Sie begann noch lauter zu lachen, 'ich denke nicht, das einer deiner Mitschüler so viel gelernt hat wie du.'

Meine Mitschüler hatten doch auch gelernt. Immerhin waren es unsere Abschlussprüfungen. 'Ich hab Angst davor. Was wenn ich nur einen Satz vergesse?', sagte ich und rieb meine Zähne aneinander. Diese Eigenschaft hasste ich nach dem Nägel beißen am meisten an mir. 'Na und?', fragte sie lächelnd, 'dann weißt du halt eben nicht wann dieser Cäsar gestorben ist oder warum Karl der Große so hieß. Ich hab davon auch keinen Plan.'

Prudence kam auf mich zu und nahm meine Hände in ihre. Im Gegensatz zu meinen waren ihre schön warm. 'Davon geht die Welt nicht unter. Das Leben wird durch so viele andere Dinge ausgemacht, als durch blöde Geschichte Prüfungen', lachte sie. Ihr Lachen beruhigte mich. Prudence hatte damals Recht gehabt, das Leben wurde durch so viel anderes lebenswert gemacht. Prüfungen hatten nur einen ganz minimalen Anteil daran.

Das Leben wurde aber auch durch so vieles Schrecklich gemacht. 'Wetten in zehn Jahren lachen wir über dieses Spektakel', hatte sie damals noch gesagt. Vielleicht würde ich ihn zehn Jahren darüber lachen, jedoch ohne sie, Prudence würde nie wieder ihr Lachen der Welt schenken können. Ihr Lachen war für immer erloschen.

Ich habe alle meine Prüfungen und meinen ersten Studiumsabschnitt geschafft und nun stehe ich hier am Flughafen, um endgültig nach Australien zu fliegen.

"Wenn etwas ist oder du etwas brauchst, ruf mich an", sagt er und drückt mich fest an sich, "egal zu welcher Uhrzeit. Mein Handy wird vierundzwanzig Stunden am Tag eingeschaltet sein."

"Danke, Dad", sage ich und reibe mit meinen Handflächen durch meine Augen.

'Flughäfen haben schon immer mehr aufrichtige Tränen gesehen, als die eigen vier Wände zuhause', lachte Prudence und deutete auf ein Pärchen, das den Menschen einen tränenreichen Abschied bot. 'Das ist gemein', lachte ich. Prudence ließ das Pärchen nicht aus ihren Augen und folgte jeder einzelnen derer Bewegungen.

'Wieso?', fragte sie und legte ihre Stirn in Falten. Sie hatte es immer gemacht, wenn sie nicht wirklich verstanden hatte, was jemand meinte. 'Na, weil das könntest gut du und dein Freund sein', sagte ich ernst. Prudence platzierte ihren Zeigefinger auf meinem Mund. 'Ich habe keinen Freund', murmelte sie monoton. Sie würde nie mehr einen Freund haben.

"Dein Flug ...", sagt Dad und holt mich somit aus meinen Gedanken zurück in die Realität. "Er wurde aufgerufen", lacht er schwach.

Ich nicke und wische die letzten Tränen aus den Winkeln meiner Augen. "Bis in 38 Stunden", sage ich und realisiere erst, dass ich mehr als einen ganzen Tag in einem Flugzeug verbringen werde. Es gibt zwar einen fünfeinhalbstündigen Zwischenstopp in Neu Delhi, doch trotzdem wird das mulmige Gefühl in meinem Margen immer mehr.

'Findest du nicht dass es komisch ist, dass du nichts mehr als Metall unter deinen Füßen hast und dich mehrere Tausend Kilometer über der Erde befindest?', fragte mich Prudence und starrte mich mit ihren grünen Augen aufgeregt an.

'Darüber hab ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht', lachte ich leise. Sie stieg ebenfalls in mein Lachen ein. Einige Blicke der umhersitzenden Passagiere fielen auf uns und sahen uns an. Es war der erste Urlaub von Prudence und mir, den wir alleine ohne Eltern, außerhalb von England verbracht hatten.

Wir waren bereits eine Woche in London gewesen, jedoch noch nie im Ausland. 'Solltest du aber ...' sagte sie und starrte aus dem kleinen Fenster neben ihrem Kopf. 'Ich kann durch die dichten Wolken nichts erkennen', seufzte sie und ließ sich zurück in den Sitz fallen. Es war unser erster und einziger gemeinsamer Urlaub, den wir alleine verbracht hatten.

Ich habe mir erst wegen Prudence Gedanken darüber gemacht, was sein würde, wenn das Flugzeug abstürzt. Man hört es zwar nicht laufend in den Nachrichten, doch gelegentlich kommt es vor. Jeder Absturz kostet unschuldige Menschenleben, doch das Schlimmste daran ist, dass auch immer Kinder davon betroffen sind.

"Bringst du mir auch ein Känguru mit?", fragt mich Finn, als ich mich in die Hocke beugte, um mit meinem kleinen Bruder auf Augenhöhe zu sein. "Oder einen Emu?", lacht er.

"Natürlich, Kleiner...", antworte ich, "am besten doch gleich einen ganzen australischen Zoo, oder?" Finn nickt heftig. Er hatte Tiere schon immer geliebt. "Ja", staunt er mit weit aufgerissenen Augen.

"Mach ich, Kleiner." Ich wuschle ihm ein letztes Mal durch seine braunen Haare und wende mich erneut Dad zu. "Und dir eines dieser Didgeridoos", lache ich.

Ein weiteres Mal informiert eine freundlich wirkende Frauenstimme die Passagiere, für den Flug nach Neu Delhi, sich in die Sicherheitskontrolle, zu begeben. "Dad...", sage ich und blicke in seine Augen, die bereits einen leichten Tränenfilm haben. „Pass auf dich auf", murmele ich und umarme ihn leicht. "Ich möchte, dass mit Mum alles wieder in Ordnung ist, wenn ich zurückkomme". flüstere ich und Dad nickt.

"Und du Finn, sei brav". Mein kleiner Bruder trinkt einen Schluck von seiner Limonade und schlingt seine Hände um meine Hüften. "Bin ich doch immer", protestiert er und wirft Dad einen unschuldigen Blick zu, was dieser nur mit einem Schulter zucken abtut und meinen kleinen Bruder leicht anlächelt.

"Ich werde dann mal gehen...", sage ich und deute auf den Eingang, wo bereits eine Stewardess steht und die erste Passkontrolle durchführt. „Ich werde euch vermissen", flüstere ich leise und drehe mich von den Gesichtern meines Dad's und Finn weg. Ich will nicht schon wieder in aller Öffentlichkeit weinen.

'immer ich', sagte Prudence und stampfte mir mit ihrer Handtasche nach. 'Ich mein', sehe ich aus wie ein Verbrecher, Drogendealer, Massenmörder?', Prudence wurde immer lauter. Es kümmerte sie nicht, ob die Menschen rund um sie zu starren begannen hatten. 'Nein so siehst du nicht aus', lachte ich und reichte der Verkäuferin vom Duty-free Shop meine Boardingcard und das nötige Kleingeld für die Süßigkeiten.

'Du siehst jetzt eher aus wie eine dieser aufgebrachten Mädchen, die gerne jemanden den Kopf herunter reißen würden.' Die Verkäuferin lächelte uns beide an und bedankte sich in ihrem gebrochenen Englisch bei uns. Ich war froh, dass sie vermutlich den Zusammenhang unserer Diskussion nicht verstanden hatte. Ich hingegen bedankte mich auf Französisch und lächelte sie leicht an, ehe ich Prudence an ihrem Arm packte und aus dem Laden zog.

'Die hat sowieso kein Wort verstanden', sagte sie und drehte sich ein letztes Mal um und blickte die Verkäuferin an. 'Ich würde auch gerne fließend Französisch sprechen', seufzte sie und ließ sich am Stuhl neben mir nieder. 'Französisch ist nach Chinesisch die schwerste Sprache', sagte ich und stopfte mir ein Bonbon nach dem anderen in meinen Mund.

'Willst auch eines?', fragte ich Prudence und hielt ihr die eckige Verpackung vor ihre Nase. 'Für dich vielleicht', lachte sie und befüllte ihre Handfläche mit den bunten Süßigkeiten. Ich hatte im Gegensatz zu Prudence Sprachen schon immer gehasst, ich war heilfroh, dass ich den Spanischkurs immer einigermaßen überstanden hatte. Während meine Mitschüler mit unserem Austauschleher gesprochen hatten, als würde Spanisch ihre zweite Muttersprache sein, war ich immer leise und hatte jede Stunde gehofft, dass er mich nicht beachten würde. Natürlich integrierte er mich in den Unterricht.

Ich hatte nie wirklich verstanden, wie man so eine Sprache lieben konnte, doch Prudence hatte, Sprachbücher verschluckt, wie andere einen Liebesroman. Ich hatte meine Liebe eher im Medienbereich entdeckt, für mich gab es nichts Besseres, als eigene Filme zu produzieren, Videos zu schneiden und Musiktitel zusammenzuschneiden.

'Wenn ich das heurige Schuljahr überstanden habe und auch endlich ans College komme, werde ich Französisch als zweites Wahlfach nehmen', lachte sie und schüttete sich erneut Bonbons auf ihre Hand. Prudence hatte das Schuljahr nie beendet, sie hatte nie ihren Abschluss gemacht, sie hatte nie den Traum, die französische Sprache zu erlernen, leben können.

Ich gibt Dad einen letzten Kuss auf die Wange und drückt Finn, da er der Meinung ist Küsse von Mädchen wären ekelig. "Pass auf dich auf, Prinzessin", sagt mein Dad und drückt mir meinen kleinen Koffer in die Hand.

"Werde ich machen, bis in einem Jahr", lache ich, obwohl der Gedanke alleine schon mehr als alles andere schmerzt. Ich würde ein ganzes Jahr in einem fremden Land leben, doch das Schlimmste an der ganzen Situation ist, dass es Prudence Traum war, und nicht meiner. Ich wollte in England bleiben und dort glücklich werden.

Sie war immer diejenige gewesen, die die Welt erkunden wollte. Sie wollte unbekannte Orte entdecken und sie wollte jedes Mal mit unendlichen Geschichten in ihren Koffern zurückkommen. Sie wollte die Welt zu ihrer machen.

'Ich werde die Welt mit meinem Lächeln verändern', lachte sie fröhlich, 'nie werde ich zulassen, dass die Welt mein Lächeln verändert.'

"Ihr Pass und ihre Boardcard bitte, Miss", sagt die Frau von der Sicherheitskontrolle und kontrolliert die Daten. Nachdem sie mir zu nickt und mich höfflich auffordert meine Jeans-Jacke ebenfalls auf das Scann-Band zu legen, gibt sie mir meinen Pass zurück. Ich lächele sie ebenfalls an und begebe mich durch die Kontrolle hindurch.

'Und wieder bin ich wieder ein Verbrecher oder Drogendealer oder doch Massenmörder?', fragte Prudence gestikulierend und setzte ihre Tasche auf meinem Trolley ab. 'Frankreich, Spanien, Deutschland... überall blinkt dieses dumme Licht bei mir rot.'

Sie blickte das kleine Lämpchen wütend an. Ihr Gesicht war fast so rot, wie das Licht der Sicherheitskontrolle. 'Ich hasse Flughäfen und doch liebe ich sie', sagte sie schließlich, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.

'Du hasst sie und doch liebst du sie?', lachte ich, da ich ihre Logik nie wirklich durchblickt hatte. 'Ja ich hasse sie und ich liebe Flughäfen, ohne sie würde ich immer in diesem verregneten England festsitzen.'

'Wohin willst du denn noch überall?', fragte ich, bereute diese Frage jedoch im nächsten Augenblick wieder. Prudence setzte ihr Lächeln auf, was nichts anderes bedeutete, dass sie in der nächsten Stunde nicht leise sein würde. 'Australien', schrie sie schon fasst und lachte, 'Amerika, Südafrika, Los Angeles ...'

'Los Angeles liegt ihn Amerika', lachte ich und Prudence boxte mir leicht in meinen Arm. 'Das weiß ich doch', lachte sie, 'wollte es nur extra erwähnen.' Damals hatten wir beide unsere eigenen Träume, während ich gerne mein Studium beendet und einen guten Job gefunden hätte, wollte Prudence reisen und die Welt sehen.

Sie wollte fremde Kulturen kennenlernen und die verschiedensten Sprachen lernen, für sie war es nie genug Englisch und Spanisch zu können. 'Wir wollen doch sowieso alle, die Welt bereisen, uns verlieben ...', auf ihrem Gesicht bildete sich ein schmales Lächeln. Ich hätte mir für sie gewünscht, dass sie einmal das Gefühl verspüren konnte, was es heißt richtig verliebt zu sein. 'Und einfach glücklich sein.'

Prudence starrte in mein Gesicht. Es war erschreckend wie genau ich jeden einzelnen ihrer Gesichtszüge vor meinem inneren Auge hatte. Hätte ich ein Blatt Papier und einen Stift gehabt, hätte ich ihr Gesicht gezeichnet.

'Meinst du nicht, dass es zu viel verlangt ist, dieses Leben zu leben?'

 

 

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