Prudence

❝ Träume entstehen, damit sie Wirklichkeit werden.❞

Nach dem Tod ihrer besten Freundin bricht für Liah eine Welt zusammen, doch anstatt sich mit dem Ende von Prudence abzufinden, beschließt sie kurzer Hand, die Traum-Liste ihrer Freundin abzuarbeiten und zwar Punkt für Punkt ... doch ein Punkt war nicht geplant: ein Regisseur, welcher sie Punkt für Punkt von ihrem eigentlichen Plan entfernt.



❝ Ich habe es dir versprochen. Ich werde deine Träume verwirklichen, komme was wolle, ich werde alles mit deinen Augen sehen, ich werde alles mit deinen Gefühlen fühlen, vor allem aber werde ich mit deinen Worten sprechen. ❞


Für Simone ♥
Denn ein Regenbogen könnte nie ohne die Sonne und den Regen entstehen.


©hrissyssecret, 2015

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5. Kapitel 4

 

•vier•

 Stell dir vor du könntest kostenlos die ganze Welt sehen, würdest du dann jemals zu Hause bleiben? Ich glaube ich würde meinen Rucksack packen, meinen Eltern einen Kuss geben und mich auf in das Unbekannte machen. Dich würde ich aber mitnehmen wollen. 

EIN LETZTES MAL drehe ich mich in meinem Zimmer um. Alles steht fein säuberlich auf seinem Platz; mein Schreibtisch ist aufgeräumt, mein Bett ist gemacht. Ich will mein Zimmer so zurücklassen, wie ich es wieder auffinden möchte, wenn ich zurück nach Hause komme. An dieser Stelle bin ich mir nicht sicher, wann ich wieder kommen werde oder ... ob ich jemals wieder kommen würde.

Niemand weiß wie viel Sand seine Sanduhr noch besitzt...

Ein mulmiges Gefühl überkommt mich. Ich habe Angst, dass ich nie wieder zurück nachhause kehren werde; dass ich meine Eltern und Finn nie wieder sehen werde.

Prudence hatte sich doch auch vor dieser Vorstellung fürchten müssen, doch sich tat es nicht - meine beste Freundin hatte keine Angst davor ihre Familie und Freunde nie wieder zu sehen.

Wieso fürchte ich mich so sehr davor?

Gewissermaßen habe ich mich bereits mit dem Gedanken abgefunden ins Unbekannte zu reisen und alles auf mich zukommen zu lassen. Niemand kann in die Zukunft sehen und niemand weiß, was in der nächsten Sekunde passieren wird. Manchmal ist es besser, das man nicht weiß, was passiert, doch manchmal wiederum habe ich mir gewünscht einen kleinen Einblick in meine Zukunft zu bekommen.

'Wenn jetzt eine Fee auf deiner Nasenspitze landet, was würdest du dir wünschen?', hatte mich Prudence gefragt und den Strahl der Taschenlampe auf mein Gesicht gehalten. Ich wusste nicht genau was ich mir wünschen würde. Ich denke ein zehn-jähriges Mädchen wünscht sich ein Pferd, Puppen oder etwas Pinkes. 'Meinst du wenn Tinkerbell vorbeikommen würde?', lachte ich und hielt meine Handfläche vor mein Gesicht.

Ich hätte damals Prudence auch einfach bitten können, den Strahl von mir abzuwenden. 'Tinkerbell, Silberhauch, Klara oder Periwinkle, das ist doch egal', hatte Prudence gelacht. Sie hatte jede einzelne Fee geliebt, doch am liebsten hatte sie Tinkerbell. Jedes Jahr zu Fasching wollte ich, dass wir das gleiche Kostüm für den Maskenball kauften, doch Prudence hatte sich jedes Jahr für eine der Feen entschieden. 'Also, was würdest du dir wünschen?', sagte sie in einer roboterähnlichen Stimme und wackelte mit der Lampe vor meinem Gesicht hin und her.

Damals habe ich ihr geantwortet, dass ich keine Ahnung hätte. Ich hatte doch alles: Meine Eltern, meine Freunde, dieses Puppenhaus, das alle haben wollten, mein eigenes Zimmer und Prudence, meine beste Freundin.

Im Hier und Jetzt würde ich mir wünschen, dass ich aus diesem Albtraum endlich erwachen kann...

Meine beiden Koffer stehen bereits im Flur und warten darauf in das Auto von Dad gepackt zu werden. Mum diskutierte stundenlang mit Dad darüber, dass er mich zum Flughafen bringen sollte, da sie, nicht in der Lage wäre, einen Abschied am Flughafen durchzustehen. Meine Mama hasst Abschiede genauso sehr wie ich.

Ich hoffe, dass es kein Abschied für immer sein wird.

Dad sah es natürlich anderes und meinte, dass beide Elternteile dafür zuständig wären, doch Mum schüttelte nur ihren Kopf und verschwand in ihrem Arbeitszimmer. Ich müsste wütend und traurig sein, doch seit hundertzwei Tagen kann ich nichts mehr fühlen.

'Liah, Liah', schrie Prudence und rannte durch unsere Haustüre direkt in unser Wohnzimmer. Ich hatte gerade damit begonnen für meine Abschlussprüfungen zu lernen. 'Ja?', fragte ich und sah von meinen Büchern auf, direkt in ihr aufgeregtes Gesicht. 'Weißt du was...? ' fing sie an und nahm einen kräftigen Schluck aus meinem Wasserglas, ehe sie sich auf das Sofa setzte.

'Nein', lachte ich. 'Heute hatten wir in der Schule gelernt, dass die Lippen nur blau werden, wenn der Körper zu wenig Sauerstoff hat', sagte sie schnell und hektisch. Wenn Prudence aufgeregt war schoss sie die Wörter, wie ein Wasserfall das Wasser, aus ihrem Mund. Manchmal hatte ich mich gefragt, ob sie nicht hin und wieder einen Luftzug holen musste. Doch Prudence sprach und sprach.

'Deine Lippen werden blau, weil du unterkühlt bist', sagte ich lächelnd. 'Nein weil ich zu wenig Sauerstoff im Blut habe', protestierte sie. Im eigentlichen Sinn hatte sie Recht, jedoch wurden ihre Lippen immer blau, wenn sie zu lange im Wasser verbracht hatte. 'Nur weil du zwei Jahre älter bist als ich musst du nicht immer die Schlaue von uns beiden sein', hatte sie zornig gesagt und einen erneuten kräftigen Schluck aus meinem Wasserglas genommen.

'Das hat doch nichts mit schlau oder dumm sein zu tun, Prudence', erwiderte ich ernst und legte mein Buch zur Seite. 'Siehst du es gibt viele Ursachen, wieso die Lippen eines Menschen blau werden können. Es kann am Sauerstoffmangel liegen, es kann aber auch wegen der Kälte sein, es kann aber auch angeboren sein, weißt du es gibt Menschen, die kommen schon mit bläulich-schimmernder Haut auf die Welt.' Prudence nickte und starrte mich mit ihren großen grünen Augen an. 'Deine Lippen werden immer blau, weil du viel zu lange im kalten Wasser bist.'

'Hasst du das Wasser deshalb, weil es dir zu kalt ist?'

Prudence war immer der Meinung, ich würde das Wasser hassen und mich deshalb immer vom Meer fernhalten, während sie stundenlang darin herumgeplanscht war. Ihr hatte es nie etwas ausgemacht, wenn ihre Lippen eine bläuliche Farbe annahmen und ihre Haut schrumpelig wurde.

In Wahrheit mag ich das Meer nicht, jedoch liebe ich es zuhause in meiner Badewanne zu sein.

Bei Mum und Dad ist es gewissermaßen dasselbe, sie haben sich einmal mehr als alles andere auf dieser Welt geliebt und seit einigen Wochen sind sie offenbar der Meinung, sie würden sich mehr als alles andere hassen.

Doch das stimmt nicht: Dad liebt Mum nach wie vor und Mum liebe Dad - sie beide sind aber zu stur, um sich zusammenzusetzen und über die schöne Zeit in ihrem Leben zu reden. Stattdessen machen sie sich gegenseitig Vorwürfe wie schrecklich sie ihre Zeit miteinander doch finden.

Ich hoffe wirklich, dass sie sich während meiner Abwesenheit wieder verstehen würden, denn der einzige Leittragende an der Sache ist Finn. Er ist einfach noch zu klein um die einzelnen Zusammenhänge zu verstehen.

Für ihn ist die ganze Situation klar, er denkt Mum und Dad würden ihn automatisch auch hassen. Ich versuche ihm stundenlang zu erklären, dass weder Mum noch Dad noch ich ihn jemals hassen werden.

Finn nickt immer, doch mir ist es sehr wohl bewusst, dass er mir nie glaubte. Es ist einerseits egoistisch von mir an das andere Ende der Welt zu reisen und meinen kleinen Bruder in England zurück zu lassen, doch hätte ich mich zum Bleiben entschieden, hätte ich das Versprechen von Prudence gebrochen.

Ich hätte ein weiteres Versprechen gebrochen. Ich will, dass Prudence's Träume Wirklichkeit werden.

Sie waren zu Besonders, um sie auf einem einfachen weißen DIN-A4-Blatt in einer Schublade verstauben zu lassen. '

'In einem Lamborghini durch das australische Outback fahren, Silvester in New York verbringen, Pinguine in Alaska sehen, ein romantisches Picknick auf den Malediven mit Troy, französisch lernen ...', ich laß die einzelnen Punkte von Prudence laut vor mich hin und konnte mein Lächeln nicht unterdrücken, 'und woher willst du das Geld nehmen?', fragte ich meine beste Freundin, woraufhin sie mir die Liste aus den Händen riss und ihren Stift erneut auf dem Papier ansetzte. 'Lass das mal meine Sorge sein', erwiderte sie lachend.

'Ein romantisches Picknick mit Troy also?', fragte ich und formte mit meinen Fingern ein Herz vor ihrem Gesicht, was ihre Wangen erröten ließ. 'Mr. und Mrs. Troy', sagte sie lächelnd, 'du wirst es schon noch sehen, wenn wir beide vor dem Traualtar stehen und uns das Ja-Wort geben.' Ich musste meinen Bauch schon vorlauter lachen halten.

'Du weißt nicht einmal wie dein Troy mit Nachnamen heißt', brachte ich schwer-atmend heraus. 'Er benötigt keinen Nachnamen er kann ganz einfach meinen nehmen. Weißt du, ich teile gern, Liah.'

Mittlerweile hatte auch Prudence angefangen sich lachend am Boden zu bewegen. Seit der fünften Klasse hatte sie von Troy geschwärmt, der bereits auf dem Collage war und die Jungen-Fußball-Mannschaft, jeden Dienstag und Freitagnachmittag auf dem örtlichen Fußballfeld, unterrichtete.

Auch, wenn ich Prudence oft genug gesagt hatte, sie solle sich doch einen netten Jungen in ihrem Alter suchen, so hatte sie mich immer ausgelacht. 'Troy ist für mich auf dieser Welt und ich bin es für ihn', hatte sie immer geschwärmt. 'In fünf Jahren ist er mein Ehemann.'

"Hast du alles, Liah?", fragt mich meine Mum und reißt mich somit aus meinen Gedanken. Ich bekomme nicht einmal mit, dass ich mein Zimmer bereits verlassen habe und auf dem letzten Treppenabsatz stehe. Zu sehr bin ich in den alten Erinnerungen von Prudence und mir vertieft.

"Was?", fragte ich und schüttelte meinen Kopf. "Ich hab dir gerade nicht zugehört, Mum."

"Das habe ich mitbekommen, Schatz", lachte sie. "Ich hab' dich gefragt, ob du alles hast?"

Ich nickte und deutete auf meine beiden pinken Koffer, wobei einer als Bordcase diente. "Ja, Mum", lachte nun auch ich, "ich habe alles und falls nicht, fliege ich nicht auf den Mond, sondern nach Australien."

"Dann ist gut", murmelte meine Mum. Sie sah nachdenkend aus, auch wenn sie es nie zugegeben hätte, dass es für sie schwer war, ihre einzige Tochter ziehen zu lassen, so war es das definitiv. Ich hätte an ihrer Stelle nicht anderes reagiert. Ich befand mich mehrere tausend Kilometer Luftlinie von ihr entfernt, es war also nicht so einfach, mich zu beschützen.

"Mum?", fragte ich und ging einige Schritte auf sie zu. Ein leichter Tränenfilm umhüllte ihre dunkle Iris. "Mum", sagte ich erneut etwas lauter.

"Du bist meine Große", murmelte sie und streckte ihre Arme nach mir aus. Ich erwiderte ihre Umarmung sofort. "Die werde ich auch in ganz vielen Jahren noch sein, Mum."

"Ich wünschte es wäre alles wie früher", sagte sie plötzlich und das war der Punkt, der mich ebenfalls zum Weinen brachte. Ich befand mich ohnehin schon sehr an der Kippe.

"Ich auch, Mum...", weinte ich in ihre Schulter. "Dann würde Prudence noch bei mir sein."

Mum hatte sich im Gegensatz zu mir wieder einigermaßen gefangen und mich näher an ihren Körper gedrückt. Wieder tat es einfach nur unheimlich gut, ihre Nähe zu spüren und ihrem beruhigenden Herzschlag zu folgen. "Sie wird immer bei dir sein. Ich denke sie ist zu diesem Zeitpunkt gerade sehr dankbar, immerhin war es ihr Traum für ein Jahr nach Australien auszuwandern, wenn sie ihren Abschluss geschafft hatte."

"Ich wollte sie begleiten, Mum", schniefte ich und Mum reichte mir ein Taschentuch aus der Verpackung, die immer auf der Kommode im Flur stand. "Danke".

"Sie wird jeden einzelnen Schritt deiner Reise begleiten, Schatz."

"Aber sie ist nicht bei mir, Mum. Ich bin alleine."

'Ich hasse den Gedanken, dass ich nach den Ferien alleine an die Universität muss', sagte ich und starrte den Motor von Mums Wagen. 'Und ich hasse den Gedanken, dass ich mit den ganzen Idioten nach den Ferien in der Schule alleine fertig werden muss', lachte Prudence und schnallte sich an.

'Du hast aber noch die anderen Mädchen aus deiner Klasse', sagte ich und legte den zweiten Gang ein, 'wenn es bei mir blöd läuft, kenne ich niemanden', seufzte ich. 'Dann wirst du andere kennen lernen', sagte Prudence und stellte das Autoradio eine Stufe lauter, da ihr Lieblingslied von dieser australischen Rockband erklungen war.

Um ehrlich zu sein, hatte ich diese Art von Musik gehasst. Das war erneut ein Punkt, in dem ich mich von Prudence um Welten unterschied. 'Du warst jetzt auch immer zwei Klassen über mir, also', lachte sie und sang laut mit. 'Aber jetzt hatte ich dich in der Pause immer um mich.'

'Nah. . .', lachte sie und löste ihre Haare aus ihrem Zopf. 'Du warst in der Pause auch immer gerne mit den Leuten aus deiner Stufe zusammen, ich hatte da ja nie wirklich einen Platz. ich war doch immer die Kleine in ihren Augen.'

Prudence war nicht wirklich ein eifersüchtiger Mensch, doch sie hatte es gehasst, wenn ich gleichaltrige Freunde hatte. 'Das ist doch gar nicht war', bedauerte ich und versuchte, das Lächeln auf ihr Gesicht zurück zu bekommen. Doch Prudence blieb emotionslos, wie sie es immer gewesen war, wenn sie traurig war.

'Hab ich schon jemals einen Freund gehabt?', fragte sie mich plötzlich und starrte mich von der Seite an. Im ersten Moment wusste ich nicht wirklich, was sie mit dieser Frage bezwecken wollte. 'Nein', sagte ich und konzentrierte mich erneut auf das Auto, das vor mir in Schlangenlinien durch den Ort fuhr. '

Siehst du, ich pass da einfach nicht dazu.' Prudence lachte bitter auf. 'Na und?', fragte ich und hielt an der roten Ampel an und sah in ihre traurigen Augen. 'Das heißt doch noch lange nicht, dass du nicht dazu gehörst.'

'Sicher', erwiderte sie und drückte ihre Nase gegen die Seitenscheibe des Autos.

'Nur weil du deinen Prinzen noch nicht gefunden hast, heißt es doch nicht dass du plötzlich weniger wert bist oder mir deswegen weniger bedeutest", sagte ich und fuhr mit dem Wagen in eine Bushaltestelle damit ich ihn anhalten konnte.

Prudence war komplett in ihren Gedanken gefangen und murmelte nur einen unverständlichen Laut. Es brach mir mein Herz meine beste Freundin in einem solchen Moment zu erleben. Es hätte mir in diesem Moment klar werden müssen, dass ihr etwas am Herzen lag.

'Ja, Liah', sagte sie leise und starrte aus der Windschutzscheibe meines Autos. 'Prudence', sagte ich sanft und versuchte so ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. 'Fahr einfach weiter', murmelte sie, sah mich dabei jedoch nicht an. '

Nicht bevor du mir sagst was los ist'. Meine Stimme wurde lauter und füllte somit den gesamten Innenraum des Wagens aus. Ich wollte sie nicht anschreien, doch ich war wütend. Ich war wütend auf meine beste Freundin, da sich etwas vor mir verheimlichte. 'Es ist alles gut, jetzt fahr weiter oder willst du zu spät kommen?', sagte sie monoton.

'Weißt du was, es ist mir vollkommen egal, ob ich zu spät zu diesem Tanzkurs komme oder nicht.' Prudence starrte nach wie vor aus der Scheibe. Gegen ihre Sturheit kam niemand an, nicht einmal ihre Mutter. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie oft unsere Mütter über Prudence gesprochen hatten und wie oft sich ihre Mutter meine Art, für ihre Tochter, gewünscht hätte.

Ehrlich gesagt hatte ich mir oft gewünscht, Prudences' Art zu haben, ihre Aufgeschlossenheit, ihre Eigenständigkeit, sogar ihre Sturheit hatte ich mir gewünscht. Es war besonders an ihr, dass sie sich von nichts und niemanden etwas anderes einreden gelassen hatte. Ich hingegen hatte jedes Mal die Dinge überdacht und Kompromisse mit mir selbst geschlossen. Prudence hingegen hat sich immer auf ihr Bauchgefühl verlassen und das gemacht, was sich für sie richtig angefüllt hatte.

'Prudence', sagte ich erneut, 'wenn es damit zu tun hat, das du keinen Jungen für meinen Abschlussball hast, muss ich dir sagen, dass ich auch keinen habe', ich lachte leise, während ihr Kopf in meine Richtung schoss. 'Aber ...', murmelte sie und versuchte das Lächeln auf ihren Lippen zu verbergen. 'Nichts aber', lachte ich erneut, 'er ... er war ein Frosch und kein Prinz, Prudence.'

'Das heißt, dass ich nicht die einzige bin, die mit ihrem Dad, als Mann, auf dem Ball auftaucht?', fragte sie und ich nickte. 'Ich komme auch mit meinem Dad', lachte ich. 'Die Jungs in unserem Alter sind alles Frösche, ich denke wir warten noch ein paar Jahre.'

"Wie ich schon sagte Schatz, du wirst nie alleine auf der Welt sein", sagte Mum und drückte mir ein kleines schwarzes Säckchen in die Hand. Verwirrt sah ich sie an. "Was ist das?", fragte ich sie und Mum lächelte. "Geh zu ihrem Grab und dann öffne es."

"Prudence", sagte ich und starrte auf den dunkelgrauen Grabstein, "wie geht es dir?", fragte ich. Jedes Mal, wenn ich auf den Friedhof gekommen war, hatte ich meine beste Freundin gefragt, wie es ihr ginge. Es war auch immer ihre erste Frage gewesen, wenn wir uns gesehen hatten. Prudence wollte jedes Mal wissen, wie es mir und den anderen Menschen in ihrem Umfeld ging. Ich fand diese Frage eine wunderbare Geste. Sie interessierte sich für die Menschen.

Schwach lächelte ich den Engel mit der Harfe, der mitten auf ihrem Grab saß, an. Mum hatte mir gesagt Prudence wäre ein Engel und ich verband zu viel mit dieser Steinfigur. Es war einfacher mit einem Gegenstand zu kommunizieren, als in die Luft zu sprechen. "Mir geht es auch gut", lächelte ich schwach.

"Weißt du ich habe meine Koffer endlich fertig gepackt", sagte ich und musste erneut lächeln. Ich hatte es schon immer gehasst meinen Koffer zu packen, ich war ein Mensch, der immer lieber ausgepackt hatte. Prudence war immer anderes gewesen, sie liebte es ihren Koffer zu packen. "Ich fliege heute am Abend", sagte ich zum Engel. Wieder bildeten sich Tränen in meinen Augen, die ich sofort versucht hatte, wegzuwischen.

"Ich weiß, du hast immer gesagt, dass ich nicht weinen darf. Aber Prudence siehst du mich? Ich kann nicht anders. Morgen bereits lebe ich deinen Traum. Für dich war es immer wichtiger, die Welt zu sehen, als für mich." Wenn ich es mir festgenug eingebildet hatte, dachte ich, der Engel würde mir zuzwinkern. Ich wusste dass allein dieser Gedanke absurd war und doch sah ich, wie sich die Augen des Engels bewegten.

"Weißt du noch als du gesagt hattest, wenn die Welt nichts kosten würde, würdest du deinen Rucksack packen, deinen Eltern einen Kuss auf die Wange geben und in das Unbekannte verschwinden? Du hast immer gelächelt und gesagt, du würdest mich mitnehmen." Ich lächelte den Engel erneut leicht an und wischte vereinzelte Tränen aus den Winkeln meiner Augen. "Jetzt verschwinde ich in das Unbekannte, gebe meinen Eltern und Finn einen Kuss."

Mein Atem stockte bei dem Gedanken, Finn für eine ungewisse Zeit alleine zurückzulassen. "Und ich mache alles ohne dich, Prudence. Verstehst du jetzt warum ich weine? Ich weine, weil ich dich in England zurück lassen muss. Ich weine, weil ich deine Träume leben darf. Ich weine, weil ich dich vermisse."

Ich zog ein Taschentuch und das schwarze Säckchen aus meiner Jackentasche. "Siehst du das hier?", fragte ich den Engel und deutete auf das Säckchen. "Mum hat es mir geschenkt. Sie hat gemeint ich dürfte es erst zusammen mit dir öffnen. Soll ich es öffnen?", fragte ich und blickte auf den Engel. Der Engel bewegte sich nicht, oder blinzelte mich an. Seine Augen starrten mich regungslos an. Sie sahen mich genauso an, wie Prudence, als das Gerät, das ihren Herzschlag überwachte, eine lange dünne Linie war.

"Ich werde es jetzt öffnen", sagte ich und zog die dünnen Schnüre auseinander. Mum hatte zwei Muggelsteine in das Säckchen gepackt, doch es waren keine gewöhnlichen Steine, jeder Stein hatte einen anderen Buchstaben eingraviert. "Mum hat die Muggelsteine gravieren lassen", lachte ich. "Es sind die beiden, die wir damals in Spanien gekauft hatten." Ich steckte meinem mit dem P zurück in das Säckchen und legte den anderen mit dem L vor die Füße des Engels.

'Die Steine werden uns überleben, Liah', lachte Prudence und reichte dem jungen spanischen Verkäufer einen Peseta Schein. 'Wenn wir eines Tages nicht mehr leben, werden unsere Kinder die Steine bekommen und unsere Kinder werden die Steine eines Tages an ihre Kinder weiter geben und immer so weiter.'

Ich sah Prudence geschockt an, da sie gerade mal neun Jahre alt war und schon daran gedacht hatte zu sterben. 'In den nächsten Zweihundert Jahren bekommt keiner diesen Stein von mir oder von dir', hatte ich lachend gesagt und genüsslich an meinem Eis weiter gegessen. 'Stimmt', lachte Prudence, 'diese Steine werden uns immer an unsere unendliche Freundschaft erinnern.'

'Schau die Steine werden immer dunkler, desto weiter sie zusammen sind', schrie ich und hüpfte aufgeregt in unserem Bett. 'Zeig her', lachte Prudence und hüpfte ebenfalls auf das Bett und entriss mir beide Steine. 'Du hast Recht, jetzt sind sie ganz blass...', sagte sie und lief mit ihrem Stein ins Badezimmer des Hotels, 'und jetzt sind sie wieder ganz dunkel'. Prudence rieb meinen Stein an ihren.

"Verliere deinen Stein bitte nicht, ich werde es nämlich auch nicht machen", lachte ich bitter unter Tränen. "Wenn ich wieder komme, möchte ich, dass der Stein an derselben Stelle liegt wie jetzt. Ich möchte dass er seine Farbe wieder bekommt. Ich mag es nicht, dass er jetzt immer blasser werden wird, bis er seine ganze Farbe verliert."

 

 

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