Prudence

❝ Träume entstehen, damit sie Wirklichkeit werden.❞

Nach dem Tod ihrer besten Freundin bricht für Liah eine Welt zusammen, doch anstatt sich mit dem Ende von Prudence abzufinden, beschließt sie kurzer Hand, die Traum-Liste ihrer Freundin abzuarbeiten und zwar Punkt für Punkt ... doch ein Punkt war nicht geplant: ein Regisseur, welcher sie Punkt für Punkt von ihrem eigentlichen Plan entfernt.



❝ Ich habe es dir versprochen. Ich werde deine Träume verwirklichen, komme was wolle, ich werde alles mit deinen Augen sehen, ich werde alles mit deinen Gefühlen fühlen, vor allem aber werde ich mit deinen Worten sprechen. ❞


Für Simone ♥
Denn ein Regenbogen könnte nie ohne die Sonne und den Regen entstehen.


©hrissyssecret, 2015

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4. Kapitel 3

 

•drei•

❝ Erwachsene sind nicht erwachsen, sie sind nur ausgewachsene Kinder. Wir werden auch noch Kinder sein, wenn wir selber einmal Kinder haben. 

DIE LETZTEN WOCHEN spielen sich in meinen Gedanken wie ein endloser Filmstreifen ab. Jeden Tag mache ich die selbe morgendliche Routine, setzte mich in den Hörsaal meiner Universität, lasse die Professoren freudig den Lehrstoff herunterträllern, gehe nachhause, koche für Finn und lerne - und jeden verdammten Tag komme ich zum selben Entschluss: Prudence wurde zu früh aus ihrem jungen Leben gerissen. Sie hatte so viele Träume, sie wollte jeden einzelnen abhacken und am Ende als alte Frau, auf ihr glückliches Leben zurückblicken können.

Ich hatte mir nie wirklich großartig darüber meine Gedanken gemacht, welche Träume ich hatte. Ich wollte lediglich einen guten Schulabschluss, eine gute Arbeitsstelle und vielleicht irgendwann in der Zukunft eine Familie gründen, gesund sein und glücklich bleiben - das sind doch diese Standardträume, die alle haben, oder?

Aber was ist mit den unausgesprochenen Träumen? Mit diesen Träumen, die nicht jeder hat?

Für mich ist es nicht wichtig die Welt zu sehen -ich mag Brighton und sein Regenwetter-, und ich hätte für keine Sekunde gezögert, dies jedem mitzuteilen: Ich war in Brighton geboren und vermutlich würde ich in Brighton irgendwann einmal sterben. Ich würde meine Kinder in Brighton groß ziehen, ich würde in Brighton heiraten und ich würde nach jedem Urlaub nach Brighton zurückkehren - in das kleine triste und regnerische Städtchen am südlichen Ende von England.

Ehrlich gesagt bin ich ein Mensch, der nichts von Veränderungen hält. Vielleicht ist mein Leben gewissermaßen langweilig und öde, aber ich mag es; ich mag es so zu leben, wie ich lebe.

'Ich habe das beste Leben, das man haben kann, werde ich dann sagen, Liah.' Prudence ließ diesen Satz mindestens einmal am Tag über ihre Lippen kommen. Für sie war das verrückte Leben, das perfekte Leben; das genaue Gegenteil von dem Leben, das ich mir für mich vorstelle und auch das war gut so, denn es war das Leben von Prudence, meiner besten Freundin.

'Glaubst du, wenn wir alt sind, werden wir noch immer beste Freundinnen sein?', fragte sie und nahm einen Schluck von ihrem Cocktail. 'Ich denke uns wird niemals etwas trennen', lachte ich, 'uns würde niemand anderes wollen'.

Man kann sagen, dass unsere Freundschaft etwas Besonderes war, das man nicht so oft fand. Zwischen uns gab es eine Spannung, die sich nicht biegen ließ, sondern sie war immer konstant gespannt.

Freunde gab es wie Sand am Meer, aber beste Freunde konnte man nicht suchen, sie wurden einem geschenkt. Und da war es wieder das Schicksal, das es damals gut mit uns gemeint hatte.

Ich glaubte nie wirklich an Schicksal oder ähnlichen Quatsch, doch wenn es um Prudence und mich ging, so war es Schicksal, das wir uns beide in diesem Kinderzentrum damals zum ersten Mal getroffen hatten. Oder vielleicht, dass ihre Mum sie dazu gezwungen hatte, Kontakt mit anderen Kindern aufzunehmen.

Ich hätte mir niemals eine andere beste Freundin vorstellen können, natürlich hatte sowohl Prudence, als auch ich andere Freundinnen, doch uns beide verband mehr als eine gewöhnliche Freundschaft. Prudence war für mich wie eine jüngere Schwester und ich war für sie die große Schwester, die man sich wünschte. Wir erlebten jeden einzelnen Abschnitt in unserem Leben gemeinsam, es gab so gut wie fast keinen Tag, an dem wir uns nicht sahen oder etwas mit einander zu tun hatten.

An jedem Tag, an dem Prudence von mir entfernt war, fehlte ein Teil von mir. Ich fühlte mich einfach nicht komplett in ihrer Abwesenheit. Es war so als würde ich ein Puzzle sein, diesem jedoch ein einziges Stück fehlte und dieses Stück war Prudence. Ohne sie ergab das Puzzle kein Bild, es war so gewöhnlich, wie es Puzzles normal waren. Erst mit ihrem Teil war es etwas Besonderes.

'Der Tod könnte uns trennen, Liah', hatte Prudence gesagt. Ihre Gesichtsfarbe war blass. 'Aber erst in hundert Jahren', hatte ich damals noch gelacht. Doch hätte ich gewusst, dass sie bereits zu diesem Zeitpunkt mehr als schwer-krank war, hätte ich geweint. Ich hätte meine Tränen, wie Wasserfälle, aus meinen Augen strömen lassen.

Ich habe nie einen Gedanken damit verschwendet, darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn eine von uns beiden plötzlich nicht mehr leben würde. Kein Teenager dachte daran, dass er in den nächsten fünfzig oder sechzig Jahren sterben würde, zudem die Lebenserwartungen von Jahr zu Jahr anstiegen. Prudence war krank, die Ärzte hatten ihr zu diesem Zeitpunkt nicht mehr länger als ein gutes halbes Jahr gegeben - es wurden letzendes fünf Monate. Und da war es wieder das Schicksal und ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass es uns verraten hat; es hatte doch etwas zwischen unsere Bindung und somit auch gegen unsere Freundschaft.

Ich habe mir oft diese eine Frage gestellt, wieso sie nicht geheilt werden konnte. Es gibt doch heutzutage so viele Möglichkeiten, Menschen zu retten. Ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen Ärzte zu hassen. Sie haben einfach nicht ihr Möglichstes versucht, denn hätten sie es getan, würde Prudence noch leben... Ich bin noch immer dieser Meinung, auch, wenn ich mittlerweile weiß, dass es keine Chance mehr gegeben hätte; nicht einmal den Hauch einer Chance gab es für Prudence und somit für sie und mich - für unsere Freundschaft, für ihr junges Leben.

Sie hätte es genauso verdient ein Leben zu führen, wie es für ein 18-jähriges Mädchen typisch war. Es war unfair, dass sie nie die Chance hatte ihren Abschluss zu machen, an die Universität zu gehen und zu studieren, sich zu verlieben, Kinder zu bekommen, zu heiraten und ein Leben zu führen, dass sie verdient hätte - ein glückliches Leben, wie es jeder Mensch verdient hätte.

'Kannst du dir vorstellen einmal dein eigenes Baby in deinen Armen zu halten?', fragte sie mich mit ihrer aufregenden Stimme und nahm meine kleine Cousine in ihre Arme. 'Es muss schön sein, wenn man weiß, dass in seinem Bauch ein neues Leben entsteht.' Meine Cousine spielte mit dem Daumen von Prudence und lachte.

Prudence hatte Kinder schon immer geliebt -sie hatte keine Geschwister-, deshalb half sie mir jedes Mal auf meine kleine Cousine und meinen Bruder aufzupassen, wenn meine Eltern wieder etwas mit meiner Tante und meinem Onkel unternommen hatten. Sie konnte die Kleinen immer zum Lachen bringen und dafür war ich ihr jedes Mal mehr als dankbar.

Ich nickte. 'Kinder können aber auch sehr anstrengend sein', lachte ich und drückte meiner kleinen Cousine den Schnuller in ihren Mund. 'Du warst auch einmal so ansträngend', hatte Prudence gelacht, 'und doch warst du das größte Wunder für deine Eltern.'

'Ich könnte es mir ehrlich gesagt noch nicht wirklich vorstellen, wir haben doch gerade erst begonnen unser Leben zu leben', lachte ich und Prudence stieg automatisch mit ein. 'Ich hab doch nicht gesagt, dass ich jetzt sofort und auf der Stelle ein Kind möchte. .', sagte sie und reichte mir meine kleine Cousine und zog ihren Pullover wieder gerade, '...aber vielleicht in fünf oder sechs Jahren, dann bin ich doch im besten Alter'.

Ich würde Kinder bekommen, doch es schmerzt, da ich weiß, dass Prudence nie das Glück verspüren wird, was es heißt, Mama zu sein. Was es für eine Frau bedeutet ein kleines Wesen in seinen Händen zu halten und zu wissen, dass man alles für sein eigenes Fleisch und Blut geben und es mit seinem Leben beschützen wird. Prudence hatte sich immer Kinder gewünscht und sie würde nie eines bekommen. Ich würde eines Tages meine eigene Familie gründen und glücklich werden. Sie würde nie Mutter werden.

"Prudence", sage ich und starre in meinen leeren Koffer, in dem ich noch nichts weiter als ein Bild von uns beiden gepackt habe. Das Bild wurde aufgenommen als sie noch nichts von ihrer Krankheit wusste.

"Wir wollten doch zusammen nach Australien fliegen. Wir wollten das Abenteuer unseres Lebens auf der anderen Seite der Welt erleben und jetzt fliege ich ohne dich. Es fühlt sich so falsch an...", die Tränen fließen aus meinen Augen und ich bin an dem Punkt angekommen, an dem es mir egal ist, "...ich vermisse dich. Hörst du, ich vermisse dich so sehr."

Mein Körper beginnt zu zittern, meine Beine werden schwer und mein Kopf dröhnt. Alles was sich in den letzten Wochen in meinem Inneren aufgestaut hatte, kommt wie aus dem Nichts zum Vorschein.

'Wie sehr vermisst du Nacho?', fragte Prudence und steckte ihre Hände in die Jacke ihres Wintermantels. Ich deutete mit meinen Händen einen Abstand von mehreren Zentimetern an und blickte zurück zu meiner Freundin. 'Dieser Abstand mal unendlich', sagte ich und Prudence nickte. 'Aber das ist dann sowieso unendlich', sagte sie, sah jedoch sofort nachdenklich auch. Prudence war ein Mensch, der alles überdachte, auch wenn die Antwort richtig gewesen wäre. Sie ließ sich jedoch durch nichts und niemanden einschüchtern, ich denke das war eine ihrer Besonderheiten.

'Ich vermisse ihn mehr als du es dir vorstellen kannst', murmelte ich leise und stellte seinen kleinen Korb auf die Erde. 'Er ist jetzt an einem besseren Ort', sagte sie leise und nahm mich in ihre Arme. Obwohl Prudence ein gutes Stück kleiner gewesen war als ich, mochte ich es, wenn sie mich in den Arm nahm und mir wortlos mitteilte, dass ich in dieser Zeit nicht alleine war.

Mum hatte mir versprochen mir einen neuen Welpen zu kaufen, doch ich wollte keinen anderen Hund, ich wollte Nacho zurück. Er war erst einige Monate alt gewesen, er hatte definitiv noch ein längeres Leben verdient, als er es hatte. 'Ich hoffe es', sagte ich leise und ließ meinen Tränen freien Lauf. Es war egal, dass wir uns mitten im Park befanden, es war mir egal, das uns Menschen beobachten hätten können, ich wollte meine Gefühle zeigen.

'Wir können ins Tierheim gehen', hatte sie nach einigen Minuten, in denen es bis auf das Rascheln der Blätter vollkommen still war, gesagt. 'Wir können eine Patenschaft für einen der Hunde dort übernehmen, Nacho hätte es so gewollt', flüsterte sie und legte ihre Handfläche auf meiner Schulter ab. 'Trauern ist in Ordnung, aber es bringt ihm nichts mehr. Dein Leben muss weiter gehen, Liah.'

"Brauchst du Hilfe?" Meine Mutter klopft an meine Zimmertüre und tritt einen Schritt herein. Mit meinen Handflächen reibe ich die letzten Tränen aus den Winkeln meiner Augen und trockne danach meine Wangen. Sie ist zwar meine Mum, doch ich möchte es einfach nicht, dass sie mich in einem so schwachen Zustand sieht.

Ich mag es nicht, wenn mich Menschen in einem schwachen Moment sehen; bei Prudence war es anders, sie verstand mich und hätte mich nie verurteilt. Sie war stark wenn ich geweint hatte und tröste mich jedes Mal. Prudence hatte für jede Situation die richtigen Worte. Sie wusste was zu sagen war und sie wusste, wenn es besser war einfach leise zu sein.

"Mum", weine ich. Sie jedoch erwidert nichts, sondern kommt auf mich zu und zieht mich in ihre Arme. Behutsam streicht sie meinen Rücken auf und ab. Es tut gut diese Geste von ihr zu bekommen. In der letzten Zeit hatten wir uns auseinander gelebt.

"Liah es ist ok", flüstert sie und drückt mich noch fester an ihren Körper. Mum hat keine Ahnung, wie sehr mich ihre Worte berühren und noch mehr zum Weinen bringen. Prudence hatte auch immer gesagt, dass alles ok wäre. Sie hatte bis zu ihrem Ende gelächelt und gesagt, dass alles ok wäre und dass es ihr gut ginge.

'Mach dir um mich keine Sorgen', sagte sie und versuchte ein Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern. Ihr Gesicht war eingefallen und bis auf die dünne Hauthülle war fast nichts mehr übrig geblieben. Ihre Knochen waren bereits, quer über ihren Körper verteilt, sichtbar. Prudence hatte ein wunderschönes Gesicht gehabt und auch wenn sie immer etwas an sich selbst auszusetzen gehabt hatte, so hätte ich mir gewünscht, einmal in meinem Leben das Gefühl von reiner und gesunder Haut zu haben.

'Um wen soll ich mich deiner Meinung dann sorgen?', fragte ich sie und rückte mit dem Sessel näher an ihr Krankenbett. Ihr gesamter Körper war mit den verschiedensten Schläuchen durchzogen und die Seiten des Bettes konnte man kaum erkennen, denn überall waren Schläuche und Kabel. Hätte man nicht gewusst, dass man sich in einem Krankenhaus befand, hätte man leicht auf den Gedanken kommen können, sich in einem Versuchslabor zu befinden.

'Na, um dich, Liah...', lachte sie wieder schwach, '...in den letzten Tagen bist du so blass geworden'. Ihre Stimme wurde immer leiser und glich schon fast einem kraftlosen Krächzen.

"Nichts ist ok, Mum...", murmele ich, als ich meine Stimme wieder einigermaßen zurückerhalten habe, "...ich fühle mich, als würde ich meine beste Freundin hintergehen. Als würde ich ihre Träume stehlen."

Mum drückt mich an ihren Körper und streicht mir vereinzelte Strähnen meiner dunklen Haare von meiner Stirn. "Was waren ihre letzten Worte?", fragte sie und sah mich intensiv mit ihren haselnussbraunen Augen an. "Das .. das", meine Tränen kämpften ihren Weg über meine Wangen und fielen auf meine Handfläche. "Das ich ihre Träume erfüllen soll", sagte ich leise und rief das Bild von Prudence in meinem Gedächtnis auf. Ich werde ihren Anblick nie vergessen. Ich werde nie vergessen, wie sie mich ein letztes Mal angeblickt hatte und danach ihre Augen für immer schloss.

Ihre Eltern hatten uns beiden unsere letzte gemeinsame Zeit geschenkt, obwohl sie es verdient hätten, bis zum Ende bei ihrer Tochter zu sein. 'Liah...", sagte Prudence schwacher denn je, Ich unterbrach sie für keine Sekunde, für sie war es ohnehin schon schwer auch nur einen einzelnen Buchstaben zu sagen. Stattdessen drückte ich ihre Hand leicht, um ihr zu sagen, dass ich jedem ihrer Worte lauschte. 'Weißt du noch unsere Träume?', fragte sie und ich nickte. 'Ich möchte, dass sie Wirklichkeit werden, ich möchte nicht dass sie Träume bleiben.'

"Du hast lange genug darüber nach gedacht", meinte meine Mum und setzte sich auf mein Bett. "Sie hätte dasselbe für dich gemacht." Prudence hätte meine Träume gelebt, doch ihre Träume waren etwas Besonderes. Jeder einzelne hatte eine geheime Bedeutung. Sie hätte sie leben sollen und nicht ich.

Ich setzte mich ebenfalls auf mein Bett. "Ich vermisse sie so sehr."

"Vermissen ist in Ordnung, Liah", Mum griff nach meinen Händen und verschränkte meine Finger mit ihren. "Doch deine Welt muss sich weiter drehen, sie darf nicht stehen bleiben. Du bist lebendig und du hast noch dein ganzes Leben vor dir." Sie entfernte ihre Hände von meinen und rüttelte leicht an meinen Schultern. "Du musst versuchen Stück für Stück loszulassen. Hörst du, Liah? Niemand sagt dass du Prudence jemals vergessen sollst, aber du musst loslassen. Sie hätte nie gewollt, dass du wegen ihr dieses Leben lebst." Die Tränen schossen wie Wasserfälle aus meinen Augen. Mum hatte mit jedem Wort, das sie sagte, Recht. Prudence wollte nie das ich traurig bin, sie hatte mir oft genug gesagt und ich wollte wenigstens dieses Versprechen halten.

"Wie soll sich mein Leben weiter drehen, wenn sich ihres nie mehr drehen wird?"

Mum dachte nach. Sie dachte darüber nach, was sie mir antworten sollte, ohne das meine Tränen noch mehr wurden. "Ihr Leben dreht sich doch auch weiter, zwar nicht mehr hier bei uns auf der Erde, aber weißt du, Menschen, die zu früh aus ihrem Leben gerissen werden, werden als Engel benötigt."

"Das erzählt man kleinen Kindern, Mum. Das stimmt doch alles nicht." Ich schüttelte meinen Kopf. Meine Großmutter hatte Finn immer erzählt, dass kleine Kinder, die sterben, als Engel im Himmel benötigt werden. Kleine Kinder gaben sich mit dieser Antwort zufrieden, aber ich wusste, dass sie gestorben war, weil sie krank war und die Ärzte ihr nicht mehr helfen konnten.

"Das erzählt man nicht nur kleinen Kindern, Liah", meine Mum lachte leicht, "das erzählt man, weil es die Wahrheit ist. Prudence lebt als Engel und wacht über einen Menschen auf der Welt. Sie ist jetzt ein Schutzengel", sagte meine Mum und lächelte mich leicht an. "Sie wird für immer in deinem Herzen bleiben und du wirst für immer in ihrem Herzen bleiben."

"Es fühlt sich alles so leer an, Mum", murmelte ich in ihre Schulter.

"Natürlich fühlt es sich leer an", sagte sie und verstärkte ihren Griff, "du hast einen geliebten Menschen verloren, Liah. Es ist vollkommen in Ordnung sich so zu fühlen. Es wäre komplett falsch, wäre es anders, Schatz."

'Ohne Nacho ist es so leer hier', ich zeigte auf unseren Garten, 'er hat immer gebellt, wenn ich aus der Schule nach Hause gekommen bin.' Seufzend stelle ich meinen Rucksack auf einem der Gartenstühle ab. Prudence hatte es sich bereits auf der Hollywoodschaukel bequem gemacht. 'Im Himmel wird er neue Hundefreunde finden', lachte sie und schaukelte uns mit ihren Füßen leicht an. 'Er fehlt mir einfach, weißt du, ich kann nicht verstehen, wieso er von einem auf den anderen Tag nicht mehr bei mir ist'.

"Wenn du Hilfe beim Packen brauchst, ruf mich einfach", sagte Mum und stand von meinem Bett auf. Ich hatte diese Mum in den letzten Wochen vermisst. Eine Mum, die für ihre Tochter da ist, die ihr hilft und ihr gut zuspricht - das hatte ich an Mum vermisst. Ich hatte ihre Worte vermisst.

"Mum?", sagte ich, doch es klang eher nach einer Frage.

Sofort drehte sie sich um und blickte mich an. "Ja?", fragte sie und platzierte ihre Handfläche auf dem Türrahmen meiner Zimmertüre.

"Danke", murmelte ich leise und sah abwechselnd vom Boden meines Zimmers in ihre Augen.

Mum lächelte mich schwach an. "Ich bin immer für dich da, mein Engel." Sie schenkte mir noch letztes Lächeln und dann verschwand sie und schloss leise meine Türe.

'Das ist so unfair', schrie Prudence immer und immer wieder. 'Jetzt beruhig dich doch mal', versuchte ich leise zu sagen, damit sie aufhörte, die gesamte Nachbarschaft zusammen zu brüllen. 'Weißt du es interessiert die beiden Null wie es mir dabei geht, es geht immer nur um meine Mutter und meinen Vater', schrie sie weiter, jedoch leiserer als zu vor.

'Natürlich bist du das Wichtigste in unserem Leben, Prudence. Natürlich wollen wir, dass es dir gut geht, Schatz', sie zog ihre Stimme hoch und äffte die Bewegungen ihrer Mutter nach. 'Es interessiert sie doch Null, dass meine Freunde hier in England sind und nicht in Irland', sie spuckte die Worte aus, als wären sie Gift. 'Irland ist doch nicht das Ende der Welt', hatte ich lächelnd gesagt und versucht Prudence zu beruhigen.

Ehrlich gesagt nahm mich der Gedanke mehr mit, als ich zugeben wollte. Prudence und ich waren seit ich denken konnte beste Freundinnen gewesen. Es war unmöglich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn sie plötzlich von mir entfernt sein würde.

'Stehst du jetzt auf ihrer Seite oder was?', fauchte sie mich an und verzog ihr, sonst so strahlendes, Gesicht in ein Wütendes. 'Nein, Prudence, aber du bist dreizehn Jahre alt. Du kannst nicht ohne deine Eltern in England bleiben. Denkst du nicht sie würden dich vermissen?' Manchmal war es schrecklich für mich, dass ich bei jeder Auseinandersetzung die Rolle einer großen Schwester einnehmen musste.

Ich wollte sie doch auch nicht verlieren, ich hatte keine Ahnung, was ich ohne Prudence machen würde. 'Na und', schrie sie zurück und stampfte in den Boden, als wäre sie ein kleines Kind in seiner Trotzphase. 'Es interessiert sie nicht wie ich mich fühle und deswegen interessiert es mich noch weniger wie sie sich fühlen. Ich bleibe hier'.

Wenn Prudence auf einem Standpunkt behaarte, so war es schwer, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Am Ende hatte sie mich davon überzeugt die Tickets in die neue Schredder-Maschine meiner Mum zu werfen und sie in ihre Einzelteile zu zerstückeln. Das dumme daran war allerdings, dass es sich bei den Tickets lediglich um einen E-Mail Ausdruck gehandelt hatte, denn man leicht erneut ausdrücken konnte.

'Uns beide wird heute nichts trennen, Liah und morgen auch nicht', hatte sie damals gesagt und sich in das Kissen meines Bettes gekuschelt. 'Wenn eine geht, geht die andere auch. '

 

 

 

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