Prudence

❝ Träume entstehen, damit sie Wirklichkeit werden.❞

Nach dem Tod ihrer besten Freundin bricht für Liah eine Welt zusammen, doch anstatt sich mit dem Ende von Prudence abzufinden, beschließt sie kurzer Hand, die Traum-Liste ihrer Freundin abzuarbeiten und zwar Punkt für Punkt ... doch ein Punkt war nicht geplant: ein Regisseur, welcher sie Punkt für Punkt von ihrem eigentlichen Plan entfernt.



❝ Ich habe es dir versprochen. Ich werde deine Träume verwirklichen, komme was wolle, ich werde alles mit deinen Augen sehen, ich werde alles mit deinen Gefühlen fühlen, vor allem aber werde ich mit deinen Worten sprechen. ❞


Für Simone ♥
Denn ein Regenbogen könnte nie ohne die Sonne und den Regen entstehen.


©hrissyssecret, 2015

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3. Kapitel 2

 

zwei•

❝ Ein Regenbogen verschwindet doch nicht, er legt sich nur schlafen und wenn sich Sonne und Regen wieder treffen, wacht er auf. Das ist wie bei unserer Freundschaft, sie verschwindet auch nicht, wir schlafen am Abend ein und wachen am nächsten Morgen wieder auf. 

ICH BLEIBE FÜR einen kurzen Augenblick vor der Parklandschaft stehen, ehe ich sie betrete. Zu viele Erinnerungen hängen in der Luft. Erinnerungen an ein Leben, das ich nie wieder leben werde. Die großen Tannen ragen in den Himmel und das Eingangstor ist von Jahr zu Jahr rostiger geworden, als es vor Jahren schon war; und wieder hasste ich den Regen, der seinen Teil für das heruntergekommen Tor beigetragen hatte. Ich verstehe die Stadtverwaltung, dass sie kein neues anschaffen, da es dem dauernden Regen ohnehin zum Opfer gefallen wäre, doch ich wünschte, sie würden es erneuern.

Um ehrlich zu sein, verband ich viele Erinnerungen mit diesem Stück Blech.

Prudence und ich haben unsere Sommerferien von der zweiten bis zur neunten Klasse zum Großteil im Park oder am Strand verbracht. Es gab für uns nichts Schöneres, als den ganzen Tag in der Natur zu spielen. Manchmal waren wir am Abend so schmutzig, dass sich das Wasser in eine dunkle Farbe verwandelte, doch das war ein Zeichen, das wir lebten, vor allem aber das der Spaß dabei nie zu kurz kam.

'Du siehst aus wie einer dieser Indianer mit ihrer Kriegsbemalung', sagte ich damals zu Prudence, nachdem sie zwei Stunden damit verbrachte, ihr Gesicht mit nasser Erde vollzukleistern. Sie zuckte bloß mit ihren Schultern und durchbohrte mich mit ihrem intensiven Blick, 'dann musst du aber meine beste Indianer-Freundin sein', lächelte sie. Ich mochte es, wenn Prudence lächelte, denn dieses Lachen war mehr als ansteckend.

Hätte ich nicht gewusst, dass sich unter dieser Maske meine beste Freundin befand, wäre ich schreiend aus dem Park gerannt und hätte meine Mum zur Hilfe geholt. Ich verzog beim bloßen Gedanken daran, mir dieses Gemisch in mein Gesicht zu schmieren, mein Gesicht. 'Hab schon alle Würmer und Asseln entfernt', lachte Prudence und drückte ihre schmutzige Handfläche auf meine linke Wange. 'Ameisen können noch drinnen sein, aber ich denke, dass sie mehr Angst vor dir haben werden, als du vor ihnen', hatte sie daraufhin geantwortet und meine Faust mit ihrer Erde-Wasser-Mischung gefüllt.

"Kommst du endlich?", schreit Finn, als er auf mich zu rennt und gleichzeitig nach seinem Fußball tritt. Das schöne, wenn man Kinder beobachtet ist ihr fröhliches Wesen, wenn sie tun dürfen, was sie wollen. Ich könnte meinem kleinen Bruder Stunden dabei zusehen, wie er über den Rasen flitzt und sich jedes Mal freut, wenn er den Ball durch das schmale Tor wirft.

"Ja gleich, Kleiner", antworte ich ihm schnell und blicke zurück auf den Fleck, an dem sich fünf Jahren das schönste Blumenbeet von ganz Brighton befand; dieses jedoch nach dem Tod der alten Dame immer mehr verkümmerte, da Prudence der Meinung war, dass es nicht in Ordnung wäre, das Beet weiter zu pflegen. Wir wussten nicht, welche Vorstellungen die alte Dame hatte.

Zusammen mit Prudence und der älteren Dame, pflegten wir die Blumen, jeden Tag war ein anderer von uns dreien an der Reihe, um die Blumen zu gießen. 'Die Lilien finde ich am schönsten, Liah', lachte Prudence und roch an ihnen. Ich mochte immer Rosen am liebsten, doch Lilien fand ich auch ganz schön.

'Die riechen nach nichts', schmollte sie und durchbohrte mich mit ihren stechend grünen Augen. Prudence war damals gerade sieben Jahre alt und ich neun und sie hatte es nicht ganz verstanden, dass nach einem Regenguss, die Blumen ihren Duft verloren hatten. Eine Zeit lang war sie der Meinung, dass Lilien, die einzigen Blumen auf der Welt wären, die keinen Geruch hatten.

'Sie bekommen ihren Duft wieder zurück', lachte ich und riss eine der Blumen aus der Erde. Prudence blickte mich geschockt an, 'nimm sie mit und stell sie zu Hause in eine Vase, dann wirst du sehen, dass auch diese Lilie ihren eigenen Duft hat.'

Als ich mich zu meinem Bruder umdrehte, der noch immer gelangweilt am Tor stand und mich anstarrte, wurde mir bewusst, wie sehr ich es vermisst hatte, Zeit mit ihm zu verbringen. Finn war zwar zwölf Jahre jünger als ich, doch mit ihm konnte man immer seinen Spaß haben; und sofort fühlte ich mich gewissermaßen schlecht. Ich hatte ihn unbewusst mit in meine Trauer hineingezogen, auch wenn ich von Anfang an vorhatte, Finn nicht damit zu belasten.

"Siehst du die Wolken?", fragt er und deutet auf den grauen Himmel über unseren Köpfen. Finn klingt traurig. "Es sieht wieder nach Regen aus", lacht er jedoch plötzlich los, bückt sich nach seinem Ball und hebt diesen hoch. Für Finn ist dieses Stück Leder schon immer von großem Wert gewesen, Dad hatte es ihm vor einem Jahr in Barcelona von seinem Lieblingsclub signieren lassen und ihm zu seinem Geburtstag geschenkt. Finn nimmt seinen Ball seid diesem Tag überall hin mit, sogar in seinem Bett hat der Ball einen fixen Platz.

Ich nicke. "Wie wär's, wenn wir das Spiel verschieben und auf einen Muffin bei Pete's vorbei gehen?", frage ich in der Hoffnung er würde es auch wollen und sehe zu meinem Bruder. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn damit bestechen kann, denn, wenn Finn etwas nach dem Fußballspielen liebt, so sind es die Blaubeer-Muffins von Pete O'Donnel, meinem Lieblingsiren mit französischen Wurzeln.

"Oh ja", schreit er und rennt auf mich zu. "Kann ich heute den mit den Mango-Stücken versuchen, Liah?", fragt er mit aufgerissenen Augen, woraufhin ich nicke. "Den werde ich heute auch einmal probieren", lache ich und gebe meinem kleinen Bruder ein High-Five.

'Wieso können alle so gut backen und ich bekomme nicht einmal einen einfachen Teig hin?", seufzte Prudence und legte ihren Kopf auf dem Tisch ab. 'Weil jeder eine andere Gabe hat', meinte ich und trank den letzten Schluck meines Milchshakes. 'Du kannst zum Beispiel abenteuerliche Geschichten erzählen', lachte ich. 'Wenn ich eine berühmte Autorin bin...', schmatzte Prudence, '...dann wirst du meine persönliche Bäckerin'.

Prudence war wie meine Mum, sie hatte schon immer gerne ihre unendliche Fantasie in Geschichten verpackt, es war ein Traum von ihr, einmal in eine Buchhandlung zu gehen und ihr eigenes Buch zu kaufen. 'Das habe ich geschrieben, werde ich ihr dann sagen', lachte Prudence und hielt sich einen Krimi vor die Brust, 'die wird Augen machen', sagte sie und deutete auf die blonde Verkäuferin unseres Buchladens. 'Was wirst du schreiben?', fragte ich meine beste Freundin und nicht aus dem Grund, das sie meine Freundin war, sondern da ich es interessant fand.

Prudence war ein Mensch, der nicht lange nachdachte, sondern sich Bilder vorstellen konnte und aus vielen kleinen Bildern ein Kunstwerk geschaffen hatte. Sie konnte mit Worten spielen, und auch wenn vielen ihre Art und Weise nicht gefallen hat, so hatte sie sich von nichts und niemanden nach unten ziehen lassen.

Prudence war stark und hatte an sich selbst und ihre Träume geglaubt. 'Keine Ahnung', antwortete sie mir und durchkramte die Regale weiter. Sie war ständig auf der Suche nach einem Buch, das ihre Persönlichkeit wiederspiegeln konnte. 'Weißt du wenn du nach einem Buch suchst, das du lesen möchtest, das aber noch nicht veröffentlicht ist, dann musst du es ganz einfach selber schreiben.'

'Liah?', fragte mich Prudence und setzte sich im Krankenhausbett auf. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen, obwohl ich in ihrer Situation nicht gelächelt hätte. 'Wenn ich sterbe', fing sie an, doch ich unterbrach sie sofort: 'Du wirst nicht sterben.'

Ich versuchte ein gezwungenes Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Prudence schüttelte den Kopf, 'ich werde sterben', sagte sie monoton und ein Stich durchfuhr mein Herz, doch Prudence lachte, 'also wenn ich sterbe, verspricht du mir, dass du mein Buch zu Ende schreibst und es einem Verlag schickst, Liah?'

"Zwei Mango-Muffins, einen Latte und ein Cola, bitte", bestelle ich an der liebevoll geschmückten Theke und reiche dem Verkäufer einen zehn Pfund Schein. "Ich geh schon einen Platz suchen", informiert mich Finn und rennt mit seinen Ball in den oberen Stock des kleinen Kaffees. Auf der Dachterrasse hat man die beste Aussicht auf den Sandstrand von Brighton und im Sommer ist immer jeder einzelne Sessel besetzt. Prudence und ich hatten uns jeden Nachmittag nach der Schule getroffen und unsere Hausübungen zusammen gemacht.

'Wieso hasst du das Wasser?', fragte mich Prudence jedes Mal und jedes Mal gab ich ihr dieselbe Antwort, dass ich das Wasser nicht hassen würde, ich es aber nicht mochte. 'Zwischen Hass und nicht mögen ist kein Unterschied', sagte sie immer. 'Dazwischen ist ein großer Unterschied', sagte ich ernst, 'du kennst doch Mia aus meiner Klasse oder', hatte ich sie gefragt und sie nickte.

'Ich hasse dieses Mädchen nicht, aber ich mag sie nicht. Sie denkt jedes Mal sie ist die Beste und Schlauste und das obwohl sie mehr Stroh in ihrem Kopf hat, als die Kühe deines Onkels im Stall', lachte ich. 'Also ich mag schwimmen und ich mag das Wasser. Ich werde einmal in Australien einen Surf Kurs machen und du wirst mein Trainer für die trockenen Übungen', lachte Prudence und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Mathematikhausübung.

"Hier, Kleiner", sage ich und stelle das Tablett auf dem Tisch ab.

"Danke", meint Finn lächelnd und greift nach einem der Muffins. "Die sind echt gut", strahlt er und nun bin ich diejenige, die bei dem Anblick meines kleinen Bruders schmunzeln muss. Es spielt keine Rolle, was Finn isst, sein Gesicht bekommt immer etwas davon ab. "Stimmt", nicke ich und beiße ein weiteres Mal ab von meinem Muffin ab.

"Wieso willst du überhaupt nach Australien?", fragt mich mein Bruder plötzlich und verschränkt seine Hände am Tisch. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, ich kann mir nicht erklären, woher mein Bruder diese Information hatte. In diesem Moment habe ich fürchterliche Angst, etwas Falsches zu sagen und ihn zu verletzen, obwohl ich weiß, dass er mehr versteht, als er in seinem Alter eigentlich sollte. Finn ist sehr reif für seine acht Jahre.

"Woher weißt du das?", frage ich ihn und setze mein Glas ab. Binnen Sekunden trocknet mein Mund aus und ein klebriger Film bildet sich auf meinen Lippen. Ich fühle mich so hilflos.

Finn hingegen isst genüsslich weiter. "Hab' Mum und Dad darüber sprechen gehört!", meint er schulterzuckend, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ich weiß nicht was ich ihm darauf antworten soll.

"Ich habe es Prudence versprochen", murmele ich und muss mich zusammenreisen, nicht wieder in Tränen auszubrechen, nicht vor meinem kleinen Bruder.

"Vermisst du sie?", fragt er plötzlich und zieht mich in eine kleine Umarmung. Ich war so sehr in meinem Gedanken versunken, dass ich nicht bemerkte, dass mein kleiner Bruder von der anderen Seite des Tisches aufgestanden und zu mir gekommen war. Er - diese kleine Person- ist der einzige, der mich fragt, wie es mir geht; wie ich mich fühle.

Die Wahrheit ist, dass ich mich leer und einsam fühle; und ich bin wütend.

"Ja", sage ich und merke wie die Tränen in die Winkel meiner Augen schießen. "Ich vermisse Dad auch", flüstert Finn. Ich vermisse Dad ebenfalls, doch es ist ein Unterschied, ob ein Mensch in einer anderen Stadt lebt oder überhaupt nicht mehr. Doch genau dafür ist Finn einfach noch zu klein.

'Menschen, die sterben kann man vermissen', sagte Prudence und ich lauschte jedem einzelnen ihrer Worte, sie hatte es geliebt Vorträge in unserer Schule zu halten. 'aber man kann sie niemals vergessen', sagte sie und sah erneut auf ihr Blatt. 'Für jeden von uns kommt seine Zeit, für den einen früher und für den anderen später. Keiner weiß, wann es geschehen wird, aber ich denke es ist auch besser so.

Prudence strahle in die Menge. Ich wusste damals noch nichts von ihrer Krankheit, sie hatte es mir bis zu dem Tag verschwiegen, an dem sie einfach in meinen Händen zu Boden gesunken war. Damals war ich mit der Situation überfordert, ich hatte auf einen Kreislaufzusammenbruch getippt, doch die Ärzte waren sofort anderer Meinung und brachten sie ins Krankenhaus.

"Wirst du in Australien Kängurus sehen?", fragt mich mein Bruder und vergrößert seine Augen. Er liebt Kängurus.

"Ich denke schon", lache ich.

"Und Koalas?", fragt er weiter und trinkt einen Schluck meines Getränks.

"Das denke ich auch", lache ich erneut.

"Gut", murmelt Finn. "Wann fliegst du?"

"In drei Wochen, wenn meine Prüfungen zu Ende sind", antworte ich und starre auf mein leeres Glas.

Finn nickt. "Wann kommst du wieder?", fragt er. Auf eine gewisse Art mag ich diese Small-Talk-Gespräche mit Finn; es ist immer dasselbe: Finn fragt und ich antworte oder stelle eine Tatsache fest.

Ich versuche seinem Blick auszuweichen, doch sein Kopf folgt meinem immer. "Ich weiß es nicht", sage ich leise. Ich komme erst wieder, wenn ich den Traum von Prudence erfüllen kann.

"Ich kann es dir nicht sagen, denn ich weiß nicht, wohin mich meine Reise führen wird, Finn." Wieder nickt er und ich bin mir dessen bewusst, dass der Abschied keines Falls leicht sein wird, weder für ihn, noch für mich.

"Ich werde dich vermissen", murmelt er leise. Finn will stark sein, denn er weiß, dass mir der Abschied nicht leicht fallen wird.

"Ich dich noch viel mehr, Kleiner."

'Finger weg von Troy', sagte Prudence lachend und zeigte mit ihrem Finger auf einen großen Jungen mit braunen wuscheligen Haaren, stechend grünen Augen und engen schwarzen Hosen. Verteidigend hob ich meine Hände in die Lüfte. 'Keine Sorge', lachte ich und musterte den Jungen ein weiteres Mal von oben bis unten, doch um ehrlich zu sein, entsprach er nicht wirklich meinem Traumtypen. Doch das war das gute an Prudence, so individuell wie sie war, so waren auch ihre Geschmäcker.

Mein Herz ließen Jungs mit schönen blauen Augen und viel Humor schneller schlagen. 'Die Woche wird langweilig ohne dich', murmelte Prudence und umarmte mich stürmisch. 'Es ist doch nur eine Woche, ich komme doch wieder'', sagte ich und drückte meine beste Freundin von mir weg, da unserer Volleyballtrainer bereits zum dritten Mal gepfiffen hatte.

Wenn ich vor lauter Langeweile einen langweiligen Tod sterbe, bist du schuld', scherzte sie und drückte mich ein letztes Mal. Im Nachhinein hatte ich erfahren, dass Prudence genau in dieser Woche die Nachricht über ihre Krankheit erhalten hatte und ich war im Trainingslager und hatte sie alleine zurück gelassen.

"Ich hasse den Regen", seufze ich und stülpe die Kapuze über meine braunen Haare. "Ich auch...", lacht Finn, "...aber nur weil du ihn hasst."

"Du kannst Dinge nicht hassen, weil andere sie hassen", ermahne ich meinen Bruder und bleibe am Stand stehen. Finn geht einige Schritte weiter, bleibt danach aber auch stehen und sieht mich fragend an.

Ich gehe in die Hocke, um auf Augenhöhe mit meinem Bruder zu sein. "Finn...", sage ich und greife nach seiner rechten Hand, "...du musst deine eigene Meinung über die Dinge im Leben bilden, du kannst sie nicht hassen, weil andere Menschen sie hassen", sage ich ernst und Finn nickt.

"Versprichst du mir, dass du dich nicht verändern wirst, wenn ich weg bin?", frage ich ihn und wieder nickt er.

"Ja", murmelt er leise und umarmte mich. "Ich verspreche es dir."

'Du wirst nicht weinen, ja?', fragte Prudence vorsichtig und ich nickte wie in Trance. 'Du wirst nicht weinen wenn ich sterbe, ja?', erneut nickte ich bloß. 'Und du wirst auch nicht an meiner Beerdigung weinen, ja?'.

'Ich werde nicht weinen', versprach ich ihr leise und unterdrückte meine Tränen. Ich redete mir ein, dass ich stark bleiben musste, ich musste für Prudence stark sein. Doch ich wusste, dass ich das Versprechen bereits gebrochen hatte. 'Gut', lachte sie, verstummte aber in Sekundenschnelle. 'Hast du Schmerzen?', fragte ich und drückte vorsichtig ihre Hand. Natürlich hatte sie Schmerzen.

'Nein', sagte sie sofort, 'mir geht es gut'. Das Schlimme an der Sache war aber nicht, das sie sich selber etwas vormachte, sondern, dass es ihr wirklich gut ging, obwohl sie nur mehr wenige Tage zu leben hatte. 'Mir geht es sehr gut', hatte sie immer wieder gesagt, auch wenn ich wusste, dass es gelogen war.

"Siehst du den Regenbogen?", fragt Finn und deutet mit seinem Finger auf den Himmel. "Natürlich sehe ich ihn", lache ich und stupse in seine Schulter. "Er ist wunderschön."

Ich habe schon lange keinen so schönen Regenbogen mehr gesehen, der so farbintensiv ist.

"Stimmt das, dass sich am Ende eines jeden Regenbogens ein Schatz befindet?", fragt mich Finn. Unsere Urgroßmutter hatte ihm immer erzählt, dass derjenige, der das Ende eines Regenbogens findet, reichlich belohnt werden würde. Sie glaubte auch an Kobolde und andere Fabelwesen, somit war es keines Wegs verwunderlich, dass sie auch an das Ende eines Regenbogens glaubte. Ich wusste, dass kein Regenbogen einen Anfang und ein Ende hatte, doch ich wollte Finn in seinem Glauben lassen.

Es ist doch schön, dass er an Wunder glaubt. So etwas darf man nicht zerstören. "Wenn du lange nach einem Ende suchst, wirst du auch ein Ende finden", lächele ich und bin froh, das sich mein Bruder mit dieser Antwort zufrieden gibt.

'Ich hasse es, dass diese Regenbogen immer verschwinden', seufzte ich und sah zu Prudence, die ebenfalls in den Himmel blickte. 'Ein Regenbogen verschwindet doch nicht, Liah', lachte sie und drehte ihren Kopf in meine Richtung. 'Natürlich verschwinden sie immer.'

'Sie legen sich doch nur schlafen', kicherte Prudence und starrte erneut in den Himmel. 'Wenn der Regen die Sonne wieder treffen möchte, wachen die Regenbogen auch wieder auf'. Das ist wie unsere Freundschaft, du und ich gehen jeden Abend schlafen und wir wachen jeden Morgen wieder auf, wir verschwinden doch auch nicht. Mich wird man nicht so schnell los.'

 

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