Prudence

❝ Träume entstehen, damit sie Wirklichkeit werden.❞ Nach dem Tod ihrer besten Freundin bricht für Liah eine Welt zusammen, doch anstatt sich mit dem Ende von Prudence abzufinden, beschließt sie kurzer Hand, die Traum-Liste ihrer Freundin abzuarbeiten und zwar Punkt für Punkt ... doch ein Punkt war nicht geplant: ein Regisseur, welcher sie Punkt für Punkt von ihrem eigentlichen Plan entfernt. ❝ Ich habe es dir versprochen. Ich werde deine Träume verwirklichen, komme was wolle, ich werde alles mit deinen Augen sehen, ich werde alles mit deinen Gefühlen fühlen, vor allem aber werde ich mit deinen Worten sprechen. ❞ Für Simone ♥ Denn ein Regenbogen könnte nie ohne die Sonne und den Regen entstehen. ©hrissyssecret, 2015 Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung

1Likes
0Kommentare
69Views
AA

1. Prolog

 

•prolog•

"DER GEDANKE AN den Tod kann befreiend sein. Er kann einem das Gefühl vermitteln, alles Schlechte zurück zu lassen und von Grund auf neu zu beginnen. Er kann dich von Schmerzen und Leid erlösen, er kann dich vergessen lassen. Doch andererseits kann der Tod beängstigend und furchteinflößend sein, er kann einen abstoßen und beunruhigen. Der Tod kann Träume und Wünsche zerstören. Er kann dir das Gefühl der Schwerelosigkeit übermitteln und dich dahin fliegen lassen, wo es keine Ängste, Träume und Wünsche mehr gibt. In diese eine Welt, in welcher alles möglich ist. Für Prudence war der Tod immer schon ein Spiel gewesen, welches sie bis zum Ende hin mit einer solchen Bravur gespielt hatte. Sie zählte nie zu den Menschen, die Angst haben, einmal zu sterben. Sie träumte stets davon, vogelfrei zu sein. Prudence war das stärkste Mädchen, das ich je in meinem Leben kennen lernen durfte, auch wenn sie viel zu schnell wieder gehen musste."

Ich blicke in den Himmel und betrachte die Wolken, die über meinem Kopf und den Köpfen der Trauergemeinde langsam hinweg zogen. Ich hätte mir gewünscht, dass Brighton wenigstens einmal im Jahr von keiner Wolkenschicht bedeckt war.

"Prudence, ich weiß, dass du auf einer dieser Wolken sitzt und alles von oben betrachtest. Für dich war es schon immer aufregend gewesen, der Mittelpunkt des Geschehens zu sein." Für einen kurzen Augenblick blickte ich zurück in den Himmel.

"Du hast es geliebt, wenn andere rund um dich lebendig waren, du hast dein wunderschönes Lächeln denjenigen geschenkt, die nicht gelacht haben. Du hast dein Lächeln niemals verloren, auch nicht am Ende deiner Zeit, du hast in deinen Tod gelächelt. Jeder andere Mensch hätte geweint, doch du hast gelächelt und gesagt, mir geht es gut, siehst du Liah, mir geht es sehr gut, dann hast du deine Augen geschlossen und nie wieder geöffnet."

Der Tränenfilm, der sich die ganze Zeit in meinen Augen befand, löste sie endgültig. Ich habe es Prudence versprochen nicht zu weinen. "Es tut mir Leid, dass ich dieses Versprechen brechen muss, Prudence", sagte ich mit zitternder Stimme und blickte zu ihren Eltern, die auf den Stühlen in der ersten Reihe saßen und meiner Rede folgten. Ein Teil er Trauergemeinde blickte starr auf den Erdboden, während andere leise vor sich hin schluchzten.

"Ich vermisse dich, Prudence. Ich vermisse unsere stundenlangen Gespräche und ich vermisse es einfach deinen verrückten Worten zu lauschen. Ich vermisse es, wie du mir immer gesagt hast, dass ich stark sein solle, obwohl du diejenige warst, die diese Worte gebraucht hätte. Ich hätte dir diese Worte in deine Ohren flüstern müssen. Ich hätte diejenige sein müssen, die stark hätte sein sollen, doch ich war die Schwächere von uns."

Ich versuchte ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern, doch ich scheiterte an dieser einfachen Aufgabe und blickte zurück in den Himmel. Ich hoffte, dass Prudence mich sah und hörte. Vielleicht war sie bereits ein Engel, wie es mir meine Großmutter, als ich noch klein war, immer erzählt hatte. Ich hoffte es.

"Menschen, die zu früh diese Welt wieder verlassen müssen, werden als Engel benötigt", murmelte ich leise und sah wie meine Großmutter, meinen Bruder in ihre Arme zog und beruhigend über seinen Kopf strich. "Hätte mir als kleines Kind jemand gesagt, dass diese Theorie kein Märchen ist, hätte ich gelacht und mein großes Märchenbuch geholt. Ich hätte euch allen gezeigt, dass Engel keine toten Menschen sind." Meine Großmutter nickte und wischte sich die Tränen aus ihren Augen.

"Prudence weißt du was?", fragte ich in diesem Ton, in dem sie immer mit mir sprach, wenn sie mir etwas zu erzählen hatte. "Für mich ist es unvorstellbar, dass du nicht mehr hier bei mir bist, dass du nun Lichtjahre von mir entfernt bist. Dass du tot bist", leise murmelte ich die Worte, die so schwer über meine Lippen kamen. "Ich saß oft auf dem Schaukelstuhl in unserem Wohnzimmer und starrte auf die Türe in der Hoffnung, dass du sie öffnest und dein wunderbares Lächeln den gesamten Raum ausfüllen würde. Ich wünschte, ich hätte einen Teil deiner Lebensfreude in ein Glas gesperrt, so könnte ich jetzt den Deckel abdrehen und alle daran teilhaben lassen. Die meisten haben dich nicht so gekannt, wie ich dich kenne. Viele haben in dir nur das blonde Mädchen gesehen. Doch für mich warst du nicht nur das blonde Mädchen, für mich warst du Prudence, der wichtigste Mensch in meinem Leben und das wird auch diese unendliche Distanz zwischen uns niemals ändern. Du hast den wichtigsten Platz in meinem Herzen eingenommen und dies wird auch immer so bleiben."

Ich lächelte schwach in die Menschenmenge. Viele unserer gemeinsamen Freunde waren gekommen. "Kannst du dich noch daran erinnern, als deine Eltern dir verkündet hatten, dass ihr umziehen werdet und wir uns darauf geschworen hatten, für immer Eins zu bleiben? Wir haben nächtelang Pläne geschmiedet, wie wir sie davon abhalten können, sogar die Flugtickets haben wir am Ende geschreddert."

Ich blickte zu Prudences Mum, welche mir leicht zu lächelte. Sie hatte bereits einige ihrer Tränen getrocknet und doch bildeten sich immer und immer wieder neue. "Wir hatten so viele Träume, du und ich, wir wollten so vieles erleben und wir wollten in achtzig Jahren auf ein wunderbares Leben zurück blicken können.

Weißt du noch als wir aus purer Langeweile diese Liste erstellt haben und du schon nach wenigen Minuten eine ganze Din-A4-Seite vollgeschrieben hattest?", ich bückte mich leicht und zog aus meiner Handtasche mein Notizbuch, in welchem ich Prudences' Liste aufbewahrt hatte, heraus.

"Punkt Eins: Deinen Rucksack packen -den mit den pinken Punkten natürlich", sagte ich lächelnd. Prudence hatte ihren gepunkten Rucksack geliebt, sie wäre nie ohne dieses Stück Stoff verreist. "und in den Süden fahren, nur bei Anhalter", wieder lachte ich.

Prudence und ich waren verrückt, jede auf ihre persönliche Art und Weise, und genau das war es, was unsere Freundschaft ausgemacht hatte, sie ist wie ich und ich bin wie sie. Wir hatten uns ohne Worte verstanden, sie hatte gelacht, wenn ich gelacht hatte und ich hatte gelacht, wenn sie gelacht hatte. Ich war traurig, wenn sie es war und sie war traurig, wenn ich es war. Wir waren uns ähnlicher als Schwestern und doch waren wir so unterschiedlich wie die Sonne und der Mond. Prudence liebte das verrückte Leben und ich, ich liebte das ruhige Leben.

"Du wolltest nach Mailand. Weißt du noch, als wir uns beide geschworen hatten einmal zusammen über einen dieser Laufstege zu gehen und unsere neueste Modekollektion zu präsentieren, obwohl du genauso wenig Geschmack hattest, wie ich ihn hatte. Für dich spielte es nie eine Rolle, ob dein rotes Polloshirt zu deiner pinken Hose gepasst hat. Du hast es getragen, weil du es für richtig empfunden hattest und dir war es egal, dass die Menschen dich rundherum komisch angesehen hatten. Du hattest eine besondere Gabe, weißt du das? Du hast dich immer um andere Menschen gekümmert, doch dir war es egal, was andere über dich gedacht haben. Ich habe dich dafür immer so sehr bewundert, wie es dir egal sein konnte.

Du wolltest einmal in deinem Leben mit einem Delfin um die Wette schwimmen, weil ich das Wasser hasse und du mir zeigen wolltest, wie toll es ist, zu schwimmen. Du wolltest nach Australien und mit den Aborigines um ein Lagerfeuer tanzen oder einen Surf Kurs im Pazifik machen, weil du den Atlantik gehasst hast. Du wolltest dir das schnellste Auto der Welt mieten und damit im australischen Outback über eine Straße fahren und den Jungs beweisen, dass auch Mädchen das Zeug dazu hatten, ein Auto zu fahren.

Du wolltest die Pinguine in Alaska sehen, obwohl wir uns immer darüber gestritten hatten, dass Pinguine in der Antarktis leben. Du wolltest nach Peru und ein Selfie vor dem berühmten Machu Picchu machen, obwohl du Berge und Großlandschaften gehasst hast. Deine Pläne sind so verrückt wie du, und trotzdem sind sie etwas besonders, Prudence. Ich erinnere mich noch an unser letztes Silvester ...", ich musste kurz meine Rede unterbrechen, die Jahreswende war genau drei Tage vor dem Tag, als sie starb, "...du wolltest nach New York abhauen und das Feuerwerk am Times Square sehen, um ehrlich zu sein ist das auch mein Traum. Du wolltest die Liebe deines Lebens unter bunten Farben küssen und mit ihm in ein neues Jahr starten."

Ich starrte in die Menschenmenge, viele Freunde von Prudence und auch von mir waren gekommen, um die letzten Stunden mit ihr zu verbringen. Ihr Sarg befand sich schon unter der Erde und doch fühlte sich alles so unwirklich an, es war so, als würde ich mich in einem endlosen Albtraum befinden, aus dem ein Erwachen unmöglich war.

"Der Schlimmste Moment ist, wenn die Person, die dir die besten Erinnerungen gab, plötzlich eine Erinnerung wird." Ich sah ein weiteres Mal in den Himmel. Ich hasste es über meine beste Freundin zu sprechen, wenn sie nicht in meiner Nähe war.

"Deine Liste ist voller Ziele, die du erreichen willst", sagte ich und zog die volle Aufmerksamkeit wieder auf mich. "Prudence ich verspreche es dir, ich werde jeden einzelnen Punkt auf dieser Liste erfüllen ...", ich sah abwechselnd zwischen dem Pult und dem Himmel hin und her, "...ich werde mit deinen Augen sehen, ich werde mit deinen Gefühlen fühlen und vor allem aber, werde ich mit deinen Worten sprechen.

Versprich du mir aber, dass du unser Gelächter, unsere Scherze, unser Lachen, unsere Unterhaltungen, unsere Pläne, unsere Tränen, unsere Erinnerungen, unsere Erfahrungen, unsere Freundschaft, vor allem aber mich, nie vergessen wirst - denn ich werde nichts von all dem jemals in meinem Leben vergessen. Ich liebe dich, Prudence, du wirst für immer in meinem Herzen sein."

Ich konnte meine Tränen nicht mehr halten und brach vor der Menschenmasse zusammen. Ich wusste, dass ich stark sein müsste, dass ich es Prudence versprochen hatte, doch es machte keinen Sinn, etwas vor zu spielen, was ich nicht erfüllen konnte. Etwas, das ich niemals erfüllen können werde.

"Liah", sagte plötzlich eine sanfte Stimme und hob mich unter meinen Armen hoch. "Hey, Liah sieh mich an." Ich blickte in zwei hellblaue Augen, die ebenfalls einen dichten Tränenfilm hatten. "Komm her. Du musst jetzt nicht mehr stark sein, Liah", sagte mein Dad immer und immer wieder und versuchte mich auf meinen Beinen zu halten. "Deine Rede war wunderschön, Prinzessin", flüsterte er in mein Ohr und zog mich noch fester in seine Umarmung.

"Das war nicht meine Rede", schrie ich und löste mich von ihm. "Nichts was auf diesem Zettel hier steht ...", ich deutete auf den Pult und warf den weißen Zettel auf den Boden, "... habe ich gesagt." Ich wurde immer leiser.

Mein Dad schloss mich wieder in seine Arme. "Du hast mit deinem Herzen gesprochen, Engel. Du hast gesagt, was du sagen wolltest und nicht das was du sagen musstest."

"Aber - "

"Nichts, aber ...", unterbrach mich mein Dad, "das war die Schönste Rede, die Prudence hören wollte. Sie hätte dasselbe gesagt. Es wären ihre Worte gewesen, Liah."

 

Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...