Eine alltägliche Geschichte

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  • Jugendschutz:
  • Veröffentlicht: 16 Sep 2015
  • Aktualisiert: 16 Sep 2015
  • Status: Fertig
Schaue hinein in den Blick einer Person, die ebenso wie du niemals die Wirklichkeit, sondern immer nur ihre eigene Perspektive vor sich hat.

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1. Eine alltägliche Geschichte an einem Ort meiner Wahrnehmung

Wir befinden und heute im ausgedachten Londoner Stadtteil Gardenwich, wo viele wundervolle, ausgedachte Menschen leben. Leider kann ich nicht einen jeden von ihnen genauso beschreiben, wie er ist. Obwohl jeder es wert wäre, die Bekanntschaft mit ihm zu machen. Nur haben sie alle so furchtbar –nein beeindruckend- viele Eigenschaften, dass eine treffende Beschreibung kaum möglich ist. Aber geh doch am besten selbst einmal hin, um den ein oder anderen kennen und lieben zu lernen. Nun, ich werde mein Bestes geben und die Welt um mich herum aus meinen eigenen kleinen und beschränkten Augen beschreiben. Ich zeige sie euch, wie ich sie wahrnehme, während ich die kleine, niedliche Straße entlangschlendere, die zwischen den einnehmenden, freundlichen Reihenhäuschen der Vorstadt, jeweils mit ihren eigenen kleinen Gärten, und dem Roadworth Park entlang führt. Es ist erst halb neun Uhr am Morgen und einige Kinder machen sich gerade erst auf den Weg in die Schule. Da ist beispielsweise der kleine Samuel, von seinen Freunden immer nur Sam genannt, was aber ja auch viel netter klingt. Er fühlt sich schon ziemlich groß, wie er da in seiner Schuluniform neben seinen Geschwistern steht und ihnen die aus seiner Sicht wichtigsten Dinge in ihrem noch so jungen Leben erklärt. Da wird die Weisheit des kürzesten Schulwegs und das coolste Spiel in der Pause schnell einmal wichtiger als die hohe Miete, die ihre Mutter zusammenbringen muss, um ihre Kinder in dieser Gegend aufwachsen zu lassen.

Sam geht nun voran und führt seine Geschwisterbande den Fußweg entlang, immer noch in einem fort mit wissendem Ton auf sie einredend. Leider kann ich euch nicht berichten, was sie sagen, denn sie haben in eine andere Sprache gewechselt. Nun gut, letztendlich ginge es mich wohl auch kaum etwas an, obwohl ich das kleine Prickeln der Neugierde ständig verspüre, wenn sich Leute um mich herum in einer anderen Sprache unterhalten. Vielleicht sollte ich mein restliches Leben verwenden, um Sprachen zu lernen. Nur bräuchte ich dann noch eines, um diese Schätze der Redekunst dann auch anwenden zu können.

Eine Weile gehe ich direkt hinter den Geschwistern, vorbei an kleinen Läden mit nützlichen und weniger nützlichen Dingen, die aber größtenteils eifrig gekauft werden. Schließlich biegen die drei links in Richtung Schule ab und nun berichte ich euch von einem ebenso alltäglichen Anblick, wie dem von Fußgängern und Schülern auf dem Schulweg. Denn letztendlich geht es um nichts Geringeres als eine Zeitung. Oder ein Kiosk, einen Mann, eine Frau, Menschen. Da liegt sie, die Zeitung. Wohlgemerkt eine herkömmliche Tageszeitung. Da liegt sie und starrt mich an, nicht nur sie, sondern jeder einzelne ihrer Buchstaben richtet seinen starren Blick auf mich. Tatsächlich starre ich zurück und obwohl ich mich selbst nicht als eitel bezeichnen möchte, will ich nicht wissen, wie ich in diesem Moment aussehe. Zumindest steht der künftige Besitzer dieser Zeitung mit dem Rücken zu mir. Connor mit Namen, um ihn erstmal vorzustellen. Mit seinen, im Verhältnis zu seiner stattlichen Körpergröße, doch eher kleinen Händen rückt er seine Brille mit ihren runden, dicken Gläsern zurecht und lächelt sein gutmütiges Lächeln. Vielleicht will er damit die junge, aber äußerst selbstbewusste Verkäuferin Shanta beeindrucken, die mit ihren Fingern ungeduldig auf dem Verkaufstresen trommelt, während er das Wechselgeld herauskramt. Jeder für sich sind sie äußerst liebenswerte Personen, jedoch äußerst verschieden vom Gemüt. Ich könnte euch an dieser Stelle verraten, dass sie in fünf Jahren tatsächlich einmal miteinander ausgehen werden, aber vermutlich ist das auch nicht weiter von Interesse. Stattdessen verrate ich euch lieber, was Shanta dachte, als sie heute Morgen in aller Frühe die Zeitungen dorthin legte, wo wir sie jetzt sehen können –sofern ihr denn aufmerksam gefolgt seid.

Sie sah die Schlagzeilen, überflog den Text und schüttelte den Kopf: „Wo soll das mit den Flüchtlingen denn bloß noch hinführen.“ Sie legte die Zeitung hin, ging zum Kühlregal, um es mit frischen Leckereien aufzufüllen und war in Gedanken schon wieder bei den nötigen Bestellungen für den Laden. Vielleicht war es Desinteresse, aber vielleicht, ja vielleicht kramte sie ja auch absichtlich ihren gesamten Vorrat an Desinteresse hervor, um sich von den Gedanken, Sorgen und dem Mitfühlen zu schützen. Ihre Freundin Sarah hatte auch schon oft versucht mit ihr über dieses Thema zu diskutieren. Sarah war bei einer Londoner Organisation, die sich für Geflüchtete einsetzte tätig. Aber Shanta blockte jedes Mal ab und versuchte das Gespräch entschieden auf ein anderes Thema zu lenken. Vielleicht kann man das auch ganz gut verstehen. Stellt euch doch nur einmal vor, man würde mit jedem unglücklichen Kind auf der Welt mitfühlen. Ob es nun da oder dort wohnt, groß oder klein ist, dieses oder jenes ihm zusetzt. Dann wäre man wohl entweder ein gebrochener Mensch oder, ja oder, wenn es einem jeden so ginge, gäbe es innerhalb kürzester Zeit vielleicht nicht mehr solch ein Meer von Unglück auf der Welt. Soweit die Theorie, aber nun kehren wir zurück in die Welt des kleinen Kiosks von Shanta.

Connor ist mittlerweile zum stolzen Besitzer einer Tageszeitung geworden, die er sich, ganz ohne die Berichterstattung zu hinterfragen, zu Gemüte führen wird. Selbstverständlich nicht hier auf der Straße, sondern in der U-Bahn, auf dem Weg ins Büro. „Jaja“, wird er sich dabei denken. „Was so alles passiert auf der Welt.“ Dabei wird er die Seite mit dem Bericht eines geflüchteten Mannes, sowie den Artikel über die Spanne zwischen Arm und Reich in London gekonnt überblättern und letztendlich an einer fragwürdig ausgewerteten Statistik zum Kekskonsum in den letzten 10 Jahren hängen bleiben.

Ich wiederum denke nicht an das was ich selbst alles tagtäglich falsch mache und wie ich mich gerade erst gestern vollkommen rücksichtslos verhalten habe und vor einer Woche tatsächlich den Geburtstag meiner eigenen Mutter vergaß, weil ich wieder mal nur an meine eigenen Angelegenheiten dachte. Stattdessen hinterfrage ich die Gedanken der liebenswerten, verrückten, langweiligen, überaus freundlichen oder doch eher schweigsamen Menschen in meiner Umgebung.

 

Nach all den Gedankenspielen stehe ich immer noch in dem kleinen, aber gut gerüsteten Kiosk von Shanta und sehe mich einer Wand mit Magneten gegenüber. Es gibt sie in allen Formen und Farben, mit verrückten Figürchen darauf und mir sticht einer mit schwarzem Hintergrund und pinkfarbener Aufschrift ins Auge: „We are all human.“

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