Captured • Luke Hemmings

«Du gehörst jetzt uns, hast du verstanden?» Mein Kopf vollzog eine Tätigkeit, die nicht mehr meiner eigenen Willenskraft unterworfen war; er nickte. «Gutes, Mädchen, so gefällst du uns.» Die Stimme des Unbekannten verzweigte sich mit meinem Inneren und stieß ein Gefühl aus: Vertrauen. «Vᴇʀᴛʀᴀᴜᴇ ɴᴜʀ ᴅɪʀ sᴇʟʙsᴛ – ᴅᴇɴɴ ᴀɴᴅᴇʀᴇ ᴋᴏ̈ɴɴᴇɴ ᴅɪʀ ᴅɪᴇsᴇs Gᴇғᴜ̈ʜʟ ɴɪᴄʜᴛ ɢᴇʙᴇɴ.» Doch es war zu spät; es war hoffnungslos und unwiderruflich geschehen. ©Chrissyssecret, July 2014

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Die Luft zum Atmen wurde immer dünner. Mein Hals fühlte sich an, als wäre er von einem auf den anderen Moment abgeschnürt worden; einzig und allein mit Worten. Den Worten von Joseph. Mistkerl. Arschloch. Sogar diese Worte waren noch Nettigkeiten.

„Er ist nicht schuld.“ Ich murmelte die Worte, sah dabei auf den Boden und verschränkte meine Finger ineinander. „Er weiß von nichts.“ Die Worte sprudelten nur so aus meinem Mund, am liebsten hätte ich meine Handfläche fest auf meine Lippen gepresst, dass kein Wort mehr rauskommen konnte. Doch wenn mein Mund sich einmal in Bewegung gesetzt hatte, gab es keine Möglichkeit diesen zu bändigen.

Doch was hätte es an der Situation geändert? Genau, nichts … rein Garnichts. Luke hatte mit der Sache –dem Teil zwischen Joseph und meiner Familie-, nichts zu tun: dafür durfte er auch nicht bestraft werden.

Die Entführung ist ein anderes Kapitel, welches ich nicht wirklich näher durchleuchten möchte, da der Hauptgrund für mich noch immer unverständlich war. Ich war damals fünf Jahre alt. Ich mein welches Geheimnis sollte ein fünf Jähriges Mädchen schon haben, dass lediglich pink und Barbie im Kopf hatte. „Was willst du?“ ich sprach ihn direkt an – Angesicht, zu Angesicht.  

Eigentlich hatte ich mit dieser Visage andere Pläne, aber ich war mir sicher, dass er seine gerechte Strafe früher oder später bekommen würde, natürlich hoffte ich auf früher. Klar, man durfte keinem den Tod an den Hals wünschen, doch verwunderlicher weiße hatte mein Verstand dagegen nichts einzuwenden.

„Schätzchen.“ Joseph verlagerte sein Körpergewicht mal auf den linken, und mal auf den rechten Fuß. War er nervös? Er entfernte sich einige Zentimeter, doch noch immer konnte ich seinen rauen Atem und den Gestank von Zigaretten und Joints spüren; sie waren tief in meine Nase gestiegen.

Eigentlich hätte ich mich schon längst daran gewöhnen müssen, doch aus einem Grund klappte es diesmal nicht. War vermutlich eine neue Mischung –irgendwo in einem unterirdischen Labor zusammengebraut-, auf welche ich noch keine Resistenz aufgebaut hatte.

 „Weißt du eigentlich, wie unschuldig du aussiehst, wenn du einen auf dumm machst?“ er stelle mir die Frage, als wär es eine Pressekonferenz, während er im Halbkreis um mich herumging, mich von oben bis unten musterte und Luke warnende Blicke zu warf. Der ganze Raum stank nach Zigarren –mexikanische oder die aus Kuba, hatte er immer bevorzugt-, extra importiert mussten sie werden.

Seine Hände hatte er hinter seinem Rücken verschränkt, erinnerte mich irgendwie an Onkel Charlie, er hatte auch immer seine Arme verschränkt, wenn er nachdachte. Was wohl aus ihm geworden ist?

Meine komplette Familie ist rund um den Erdball verstreut, traurig irgendwie, wenn man bedenkt, wie groß die Welt ist.

Der Gang von Joseph verlangsamte sich, seine Miene wurde ernster. Er dachte.

Doch, dass ein schlaksiger Typ wie Joseph nachdachte, klang gleich absurd, als wie die Tatsache, dass ich jemals ein Popsänger werden würde: ich hatte nämlich null Rhythmusgefühl und von meinem nicht vorhandenen Gesangstalent möchte ich erst gar nicht anfangen. Also das Ergebnis war gleich Null.

Ich machte in diesem Moment nicht auf dumm, ich hatte wirklich keine Ahnung wovon er sprach oder was er wollte. „Wovon redest du? Joseph.“ Bewusst sprach ich seinen Namen aus, ließ jeden Buchstaben wie Feuerzungen über meine Lippen gleiten. Meine Hände stützte ich derweilen lässig in meine Hüften, betrachtete dabei aus einem Winkel Luke, welcher unglaubwürdig über das Geschehen am Boden hockte und so gut es ging seinen Atem anhielt.

Ich wusste, er hasste seinen Namen, niemand durfte ihn so nennen. Klang irgendwie brav: wohlerzogen, schutzlos, Muttersöhnchen. Joseph war in der Kirche tätig gewesen –ist zwar schon einige Jährchen her, jedoch er konnte es nicht leugnen-, er wurde von seiner Mutter gezwungen, jeden Sonntag den Frühgottesdienst, um sieben zu besuchen.

Auf Hochzeiten wurde er sogar dafür eingesetzt, die Ringe zu bringen. Eine ehrenwerte Aufgabe, wenn man mich fragt.

Meine Granny und Josephs Mutter Olivia waren gute Freundinnen –Kaffee- und Klatschtanten-, sie wussten wirklich alles über unser kleines Örtchen Bescheid.

Über Beziehungen, Streits, Auseinandersetzungen, Zuwanderer, über alles eben. Es gab nichts, was diese zwei Damen nicht wussten, wollte man ein Gerücht verbreiten, musste man es nur einer der beiden erzählen und man konnte sicher sein, dass bereits am Nachmittag –wenn man es am Vormittag erzählt hatte-, die gesamte Gegend darüber Bescheid wusste: wenn auch manchmal unfreiwillig.

Ja so waren sie eben, Nana und ihre Freundinnen. Irgendwie hoffte ich, einmal zu werden wie sie: auf einer Veranda zu sitzen, genüsslichen Schwarztee zu schlürfen –Kaffee konnte ich nämlich zum Teufel nicht ausstehen, allein der Gedanke an diese bittere Brühe, drehte mir den Magen um-, und einfach jeden Tag leben, als wäre es mein letzter.

Vielleicht hätte ich ein, zwei Enkelkinder, die im Vorgarten spielen würden, einen Ehemann, keinen Offizier so wie Nana, nein, einen bodenständigen Typen, Lehrer, Verkäufer, Anwalt, ist auch egal  - einen mit dem man die Tage vor seinem Schlussstrich verbringen konnte.

Ich würde Häkeln oder Stricken oder Sticken, jedenfalls irgendwas Handarbeitliches würde ich machen. Schöne Schale, Socken und Hüte würden entstehen und somit bei Wintereinbruch allen Lieben zur Verfügung stehen. Klingt irgendwie eintönig, die Planung meiner Zukunft – wie aus einer Komödie der Achtziger – kurz vor Mauerfall.

Doch auch so ein Leben hatte etwas – einen Kick, wenn auch nicht für jedermann.

„Verdammte kleine Kröte.“ Joseph fauchte und fluchte, wenn auch zum Großteil innerlich. Klar, er hasste seinen Namen, das wusste ich. War aus diesem Grund auch so verführerisch.

„Du hörst mir jetzt mal zu.“ Er sprach durch seine zusammengebissenen Zähne.

Auf Außenstehe hätte er womöglich in diesem Moment ein wenig furchteinflößend gewirkt. Seine Handfläche wanderte erneut unter mein Kinn, worauf ich sie in einem derartigen Tempo wegschlug, dass man es mit Lichtgeschwindigkeit verwechseln konnte. Aufgrund meiner Körpergröße hatte ich ziemliche Probleme diesen Mann in meinen Blick zu ziehen und musste deshalb meinen Kopf in den Nacken legen.  

„Ich glaube dein Bruder hat die nicht gut erzogen, Kleine.“

„Halt dein verdammtes dreckiges Maul, Joseph.“ Es half, die Worte auszusprechen, die mir so auf der Zunge brannten.

„Hannah.“ Luke stand plötzlich dich hinter mir. Ich war so aus Rasche, dass ich es nicht mal gemerkt hatte.

„Hannah, nein.“ Er klang verzweifelt, während er seine linke Hand auf meiner Hüfte platzierte und seinen Hals auf meiner Schulter abstürzte. Es war ein gutes Gefühl ihn so nah zu sein, jedoch war es nicht richtig.

„Nein.“ Echote ich Luke, drehte mich aus seinem Griff und ging einige Schritte nach vorne, um den Körperkontakt zu ihm, zu unterbrechen. Wir beide wussten, dass es nicht sein durfte. Seinen Kopf hielt er gesenkt, ich wollte ihm auch nicht wirklich in die Augen blicken.

„Hemmings.“ Joseph meldete sich auch wieder zu Wort, verharrte aber auf exakt derselben Stelle, wie einige Minuten zu vor. „McWelthy.“ Luke versuchte seine Konterung standhaft und selbstbewusst über die Lippen zu bringen, doch er scheiterte kläglichst: seine Stimmbänder zitterten und sein Kehlkopf vibrierte und brachte somit nichts weiter als monotones Gemurmel zustande.

„Luke verschwinde.“ Ich keifte ihn an, auch wenn es nicht wirklich harsch hätte klingen sollen, so kam es trotzdem rüber. Luke senkte seinen Kopf. Er tat mir leid. Irgendwie.

Er wusste nichts von der Vorgeschichte zwischen Joseph und mir, oder Joseph und Louis, oder Louis und ich: egal – er wusste über keine Kombination bescheid. Keiner wusste es, außer wir drei. Was auch gut so war. Es sollte ein Geheimnis bleiben – es bleibt ein Geheimnis. Ist auch besser so.

Luke ging nicht. Er verharrte auf demselben Fleck, es schien als wurde er versteinert oder unsichtbar angewurzelt. „Bitte Luke.“ Ich flehte ihn an. Ich hatte keine Ahnung wie lange Joseph noch leise sein würde und somit musste Luke verschwinden. Es war lediglich zu seinem eigenen Schutz.

„Hast du nicht gehört? Hemmings verschwinde.“ Joseph stieß mich zur Seite, da ich noch immer den Platz zwischen ihm und Luke inne hielt. Seine kräftigen muskulösen Arme packten Luke und schliffen ihn zur Tür. „Verschwinde und mach die nützlich.“ Ein Knall ertönte. Die Türe wurde geschlossen.

Jetzt hatte ich Angst.

Meine Hände verschränkte ich vor der Brust. Hatte schon oft gesehen, dass diese Geste für Selbstbewusstsein und Standhaftigkeit steht. Genau das brauchte ich nun. Ich war alleine.

Alleine in einem etwas dunkleren Raum (am Anfang war es mir nicht wirklich aufgefallen, dass lediglich eine flackernde Industrieleuchte, wie man sie aus Lagerhallen kennt, den Raum erhellte), mit Joseph. Ich und Joseph. Joseph und ich.

Alleine bei dieser Zusammenstellung stellte sich jedes einzelne Härchen an meinem Körper auf. Was hatte er nun vor? Würde er mich töten? Nein.

„Ok.“ Sagte ich. Es klang wie eine Niederlage, immerhin stimmte es auch zum Teil, ich hatte keine andere Chance. „Du willst Informationen.“ Ich richtete meinen Blick starr auf Joseph, versuchte kaum meine Lider zu bewegen und nicht zu blinzeln. „Du bekommst Informationen.“ Mein Selbstbewusstsein war wieder zurück und somit auch meine große Klappe.

Erstaunt blickte mit Joseph an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich mich geschlagen geben würde. Würde ich auch nicht. Ich war ja nicht dumm, ich versuchte lediglich Zeit zu bekommen, um mir einen klugen Plan auszudenken, denn er nicht durchschauen konnte. Er war dumm.

Seine Gehirnzellen waren nur mehr zu einem Drittel vorhanden – die anderen waren dem Alkohol- und Drogenkonsum erlegen. Traurig, aber war.

Man wünscht es niemanden so zu enden – auch nicht seinem Erzfeind oder in diesem Fall Satan höchstpersönlich-, doch er hatte es verdient. Meinetwegen sollte er abdanken, ich würde sogar selbst dafür sorgen, dass er begraben würde.

Hass sprudelte durch meine Adern, hatte somit das Blut abgelöst. Ich merkte selbst, wie meine Wangen erröteten. War immer das gleiche, wenn ich aufgeregt oder höchst genervt war, worauf dieses Mal beide Aspekte zu trafen und somit die Röte verdoppelten.

„Doch eine Bedingung gibt es, Joseph.“ Ich hatte es wieder getan, seinen Namen ausgesprochen. Ich war sichtlich nervös, da ich nicht genau wusste, was als nächstes Geschehen würde. Einerseits war Joseph eine tickende Zeitbombe, er konnte jede Sekunde hoch gehen und anderseits war es ein ungutes Gefühl, ihm Parole zu bieten.

Ich hatte mich nie wirklich damit anfreunden können, vor Menschen zu sprechen und mich gegen sie zu behaupten.

Die größte Angst hatte ich immer in der Schule bei Referaten – alleine der Gedanke daran, lässt einen kalten Schauer über meinen Rücken laufen. Man steht alleine vor der Klasse –zwanzig Gesichter sehen dich an, ob sie sich interessieren oder nicht, Fakt ist: SIE SEHEN DICH AN.

Genau das tat auch Joseph, auch wenn diese Situation in keinster Weise mit einem Vortrag über Atomkerne vergleichbar war, es starrte, genauso wie meine lächerlichen Mitschüler. Doch es gab einen Unterschied, meine Mitschüler stammten aus einem guten Elternhaus und würden somit nicht einmal einer Eintagsfliege ein Bein ausreisen, obwohl diese Tiere nicht wirklich eine hohe Lebenserwartung aufweisen können.

„Ganz schön hart, was?“ Joseph kam näher, doch mit jedem Schritt seinerseits wich ich ein Stück nach hinten, hielt aber meine Arme die ganze Zeit vor meiner Brust verschränkt, auch der Augenkontakt brach nicht ab. „Also schön, Hannah.“ Sagte er. Ich fühlte mich in die Enge getrieben, enthauptet, schutzlos, was auch immer man in einer Situation wie einer solchen fühlt: Angst?

Seine Augen funkelten, strahlten somit Wut aus. Er war wütend. Klar, ist er wütend Hannah, dachte ich, wieso provozierst du ihn auch immer. Auch wenn diese Belehrungen nicht wirklich hilfreich waren, waren sie die Wahrheit, keine Frage.

„Du kannst dein kleines Spielchen gerne haben.“ Nun war jeglicher Platz aufgebraucht: mein Rücken stieß an eine Wand an. „Scheise.“ Ich murmelte die Worte leise vor mich hin: wollte sie nicht wirklich aussprechen. „Süße.“ Ich folgte Josephs Handbewegungen, welche unmissverständlich auf die Wand deuteten. Ich saß fest.  „Jetzt sitzt wohl jemand in der Falle.“ Er lachte. Laut und deutlich, es war nicht zu überhören, das er sich auf der Gewinnerseite befand.

Ich saß in der Falle.

„Ich tu‘ dir nichts, Kleines.“ Vorsichtig strich er zuerst über meinen linken Oberarm. Ich erschauerte. Es ekelte mich an. Dann strich er über meinen Unterarm, bist er letztendlich meine kleinen Finger zwischen seine Wurstfinger presste und kräftig zu drückte. Es schmerzte, jedoch versuchte ich den Schmerz zu unterdrücken.

 

Ich wusste auch, dass Joseph mir nicht wehtun würde, ich war ihm zu wichtig. Jedoch auf der anderen Seite auf gefährlich. Ich war für ihm sowohl wichtig, als auch eine Last. Eine Last, die am besten bei Seite geschafft werden sollte, jedoch nicht bevor ein Nutzen daraus gezogen worden würde.

 

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