Captured • Luke Hemmings

«Du gehörst jetzt uns, hast du verstanden?» Mein Kopf vollzog eine Tätigkeit, die nicht mehr meiner eigenen Willenskraft unterworfen war; er nickte. «Gutes, Mädchen, so gefällst du uns.» Die Stimme des Unbekannten verzweigte sich mit meinem Inneren und stieß ein Gefühl aus: Vertrauen. «Vᴇʀᴛʀᴀᴜᴇ ɴᴜʀ ᴅɪʀ sᴇʟʙsᴛ – ᴅᴇɴɴ ᴀɴᴅᴇʀᴇ ᴋᴏ̈ɴɴᴇɴ ᴅɪʀ ᴅɪᴇsᴇs Gᴇғᴜ̈ʜʟ ɴɪᴄʜᴛ ɢᴇʙᴇɴ.» Doch es war zu spät; es war hoffnungslos und unwiderruflich geschehen. ©Chrissyssecret, July 2014

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Irgendetwas zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich – ein Geräusch, ein Krach, keine Ahnung. Ich war wieder vollkommen aufnahmefähig; hatte mich vom ersten Schock wieder erholt.

Ich presste mein linkes Ohr gegen die Türe, denn was anderes konnte ich ohnehin nicht machen und wenn ich so recht überlegte, wurde der Boden ziemlich kalt: es waren Fließen. Somit war es irgendwie klar, dass ich mich in einem Badezimmer befand.

Dann kam mir der Gedanke, ich könnte ein heißes, dampfendes Schaumbad nehmen: hatte immerhin schon seit ein paar Tagen nicht mehr geduscht. Ich musste widerlich stinken. Riechen konnte ich zwar noch nicht wirklich etwas, aber man konnte sich selbst auch schwer riechen.

Licht gab es natürlich auch hier keines; zu mindestens fand ich den Schalter mal wieder nicht. Einzig allein ein kleiner Lichtkegel schien durch die mit Rollladen bedeckten Fenster – zwei an der Zahl waren es-, doch ich wollte mich nicht hinüber, ans andere Ende robben, und aufstehen konnte ich ohnehin nicht, da ich Angst hatte, erneut gegen einen Gegenstand, Regal, Kasten, was auch immer, zu stoßen. 

Somit blieb mir nur eine Alternative: still sitzen und dem Gesehen auf der anderen Seite der Türe, zu lauschen.

Ich wollte wissen was da draußen los war, obwohl ich mir schon denken konnte, wer die Personen waren: Jac‘ und Luke. Wer denn auch sonst?

Auf der anderen Seite der Türe spitzte sich die Situation allmählich zu. Wie ich Jacob in den letzten Tagen kennen gelernt hatte, war er ohnehin kein Mensch der Großen Worte – Schläge wurden an der Stelle platziert, an welcher Worte für Klarheit gesorgt hätten.

Die Schrei kamen immer näher und wurden somit wieder ohrenbetäubender. Mittlerweile konnte ich die Stimmen bestens den Person zu ordnen, doch anders als erwartet, handelte es sich nicht um Jacob und Luke, sondern um Luke und Joseph.

Obwohl ich nur einzelne Wortbrocken auf dem Silbertablett präsentiert bekam, konnte ich eins und eins zusammen zählen: es ging um mich.

Mein Name fiel allerdings nie, zu mindestens nahm Joseph ihn nie in seinen schmierigen, mit Rauch zu gequalmten, Mund. Bezeichnungen wie SchlampeMiststück und andere obszöne Bezeichnungen sollten mich durch das, eher angespannte Gespräch, bezeichnen.

Luke war die ganze Zeit über still. Verdächtig still.

Ich hatte zwar keine Angst in diesem Raum –Badezimmer-, jedoch gut fühlte ich mich keineswegs. Klar, Luke würde mich nie verpfeifen, dachte ich zu mindestens, doch das machte mir Angst: ich hatte Angst um Luke, denn ich wusste zu was Joseph in der Lage war.

Keine Ahnung wie lange ich Joseph McWelthy schon kannte … zu lange jedenfalls, wie mir schmerzlich bewusst wurde.

Er war immer schon eine Klasse für sich: großer, muskulöser, schlaksiger Typ, mit dem Drang zu ungepflegten Drei-Tage-Bart.

Sein Alter war schwer zu schätzen, da es auf Grund seinem äußeren Erscheinungsbild schwankte: doch Mitte zwanzig bis Anfang dreißig – irgendwo dazwischen musste er sich befinden. Obwohl ich mir nicht wirklich vorstellen konnte, dass er auf Grund seines zurückgebliebenen Verstandes, soviel älter war, als ich.

Joseph war das beste Beispiel dafür, was ein jahrelanger Alkohol- und Drogenkonsum aus einem macht: richtig es beschränkt den Verstand. Ich konnte mir auch nicht wirklich vorstellen, dass seine inneren Organe diesen Lebensstandard noch lange durchhalten würden. Aber das war wirklich nicht mein Problem, sondern ganz alleine seines: alt genug war er -also über 21- somit hatte er das Recht sich alle Sachen, sowohl legal, als auch illegal zu beschaffen.

Doch etwas bewunderte ich immer an ihm: seine vielen Tattoos auf den Armen. Klar, ich kam aus gutem Hause, wo Tattoos und Piercings, mit einer Schandtat gleich gestellt wurden, doch zu ihm passten sie. Ohne Tattoos wäre er nicht er; definitiv nicht.

Mir persönlich gefielen Tattoos nicht, ich konnte mir auch nie vorstellen mich selbst einmal unter die Nadel zu legen. Zum einem halte ich das alles für Verstümmelung und zum anderen für Geldverschwendung.

Natürlich teilen sich die Meinungen bei diesen Angelegenheiten in Zwei: die Gesellschaft wird wieder durchgerissen, durchgeschnitten, was auch immer sie wird – jedenfalls, die einen denken positiv, darüber und die anderen negativ. Natürlich gibt es auch noch die, die keine Meinung dazu haben – die Mittläufer, die leicht zu manipulierenden, sowie Jacob.

Vielleicht war er auch nur ein Erscheinungsbild, welches ich nie anders gekannt hatte; immerhin zierte der feuerspuckende  Drache seinen rechten Oberarm seit ich ihn kannte und auch wenn ich diesen Tag unseres Kennenlernens lieber aus meinem Gedächtnis gelöscht hätte, konnte ich es nicht rückgängig machen.

Josephs Körper war verseht mit diesen Bildern – bunt, schwarz, schwarz-weiß, unausgefüllt – sie alle waren auf seinem Körper vorhanden. Genauer betrachtet, war er etwas, was man als lebendes Kunstwerk bezeichnen konnte.

Auch zahlreiche Zahlenkombinationen, Nummern, Ziffern, befanden sich auf seinem Körper. Keine Ahnung ob sie einen Sinn ergaben, doch er musste sich bei der Anschaffung etwas gedacht haben, obwohl ich schwer bezweifle, dass er nach jahrelangem Crack-Konsum, noch wirklich denken konnte.

Ich wusste, was er nahm - ich kannte mich in dieser Szene aus, wenn auch zum Teil unfreiwillig- und irgendwie ergab alles hier nach und nach einen Sinn. Ich wusste zu viel – verdammt manchmal hätte ich mich selbst für meine Dummheit eine reinhauen können -, Schnüffler waren nie wirklich willkommen; Louis hatte mich immerhin oft gewarnt.

Doch auch wenn er ihnen aus welchem Grund auch immer entkommen war, steckte ich mittlerweile ziemlich tief in der Scheise. Er war auf der anderen Seite des Ozeans untergetaucht, keine Ahnung, ob sie wussten, dass er noch lebte – oder, ob es sie überhaupt interessierte. Er war ausgestiegen, doch mir ließ es keine Ruhe.

Mir war auch bewusst, dass das Treffen zwischen mir und Jacob nicht Schicksal war – vielleicht ein wenig ja, ich hatte mich in ihn verliebt, klar -,aber irgendwie machte es alles einen Sinn. Jacob war nur, genauso wie Luke, ein Handlanger von Joseph, das ist Tatsache.

Erbärmliche kleine Jungs, die keine Ahnung von Nichts haben. Immerhin hatten sie höchstwahrscheinlich keinen großen Bruder, der ihnen bereits als zwei Jährige, die harte Seite des Lebens serviert hat.

Meine Eltern wussten viel nicht, sehr viel – oder wollten es nicht wissen, keine Ahnung, ob es sie jemals interessiert hat. Doch Geld musste beschaffen werden, und obwohl, das eigentlich die Aufgabe der Eltern sein sollte, übernahm das Louis; auf illegalem Weg. 

Ich will mich gar nicht beschweren, ich hatte alles, was ein kleines Mädchenherz höher schlagen ließ: das pinke Zimmer, Barbie und Ken, das dazugehörige Märchenschloss, die weißen Schimmel, Klamotten in Hülle und Fülle – sowohl für mich, als auch Kelzie und Johsey (meine Puppen, leider mittlerweile kopflos, irgendwo am Dachboden liegend und vermutlich dem Opfer von Motten verfallen) – wie auch immer, ich hatte wirklich alles.

Er ist der beste Bruder, den man sich wünschen kann, und das obwohl uns ein Altersunterschied von elf Jahren trennt. Keine Ahnung, warum sich meine Eltern nach dieser Zeit nochmal dazu entschieden hatten, ein Kind zu bekommen; vielleicht war ich auch nur ein Ausrutscher…möglich ist alles.

Mittlerweile befand sich der Zweikampf – es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kampf zwischen zwei Rivalen (Boss und nicht gehorchenden Handlanger)  - mittlerweile war ich mir sicher, dass Joseph das Oberhaupt war – er der auf der Hierarchieleiter ganz oben steht, so wie bei den alten Ägyptern der Pharao, und dann die kleinen Untertanen: Jac, Luke und weiß Gott wie viele mehr.

Sie alle waren armseligere kleine Würstchen – Madenwürmer, die sich durch einen verfaulten Apfel schlängelten, jedoch nie ein Stück davon abbekamen-, sie alle waren gleich, doch ich hatte sie schon längst durchschaut: war auch nicht wirklich schwer, in das Gehirn eines Hohlkopfes zu blicken.

Auch wenn Joseph in erste Linie gefährlich war, wusste er das es einen Menschen gab, dem er nie etwas tun würde: sein Schwachpunkt so zu sagen, doch so sehr ich mich auch ansträngte meine Gehirnzellen an die richtigen Stellen zurück zu katapultieren, desto schwerer fiel es mir einen klaren Gedanken zu fassen.

Man konnte Joseph knacken, mit den richtigen Mitteln versteht sich natürlich, ihn genau da treffen wo es am Meisten für ihn schmerzte: blond, klein, schlank – Marylin.  

Und wieder kribbelte mein ganzer Körper, genau an den Stellen, an denen es nicht kribbeln sollte: in den Fingerspitzen. Diese Gäste kannte ich zu gut, es war das Verhalten, was nichts Gutes im Schilde führte – obwohl es von selbst gesteuert wurde – ich kannte mich einfach zu gut.

Eine Faust schlug gegen die Wand und lies mich aufschrecken – ich war wirklich in den letzten Tagen sehr schreckhaft geworden: danke, ständige Dunkelheit.

Doch kurzerhand später ertönte ein höllischer, flehender Schmerzschrei…Luke, meine Gedanken sprangen im Kreis, kamen schließlich zu einem Entschluss. Ich musste mich stellen, ehe schlimmeres passieren würde.  

Mit einer einzigen Handbewegung hievte ich meinen Körper an der eisernen Türklinke hoch und drückte sie im selben Atemzug nach unten. Natürlich sprang sie sofort auf; sie war ja nicht verschlossen, warum auch.

„Nein, nein.“ Ich brüllte mir sie Seele aus dem Leib, zumindest schien es für mich so, obwohl meine Stimmfarbe eher einem Quicken eines Schweines ähnelte. „Verdammt, lass ihn los.“ Ich rannte auf Joseph zu, welcher Luke im Schwitzkasten hatte.

Man kannte es genauso vom Schulhof, wenn zwei Jungen in eine Rauferei verstrickt waren – nur mit dem Unterschied, dass es sich hierbei nicht um Kinkerlitzchen, wie Fußballkarten, handelte.

Es war todernst – es ging um Leben und Tod. „Verdammt Joseph.“ Ich schnaufte, da ich meine Energiereserven durch meine Mädchenschläge auf seinen Brustkorb zur Gänze ausgeschürft hatte. „Lass.ihn.los.“ schwer atmend ließ ich meine Arme nach unten sacken, hatte sie aber noch immer zu Fäusten geballt: für den Fall der Fälle, versteht sich.

Obwohl ich kleines, zierliches Mädchen vermutlich sowieso nicht mit ihm – einen ein Meter neunzig, gutgebauten, durchtrainierten Körper aufnehmen konnte – war mein Adrenalinspiegel in diesem Moment so hoch gestiegen, das es mir egal war.

Die pure Wut strömte durch meine Adern und drängte somit mein Blut in den Nachrang. Ich hatte mich selbst noch nie so außer Rasche erlebt…doch in der zweiten Klasse, als Bethany McDeal – besser bekannt als Zuckerpüppchen – mein Federmäppchen mit ihren hässlichen Glitzerstiften vollgeschmiert hatte.

Ich hatte ihr in den Arm gebissen – der Abdruck meiner Zähne war auch noch Stunden nach der Attacke sichtbar-, ich war stolz auf mich damals und hatte die Strafe, drei Wochen Tafelwischdienst, mit Würde entgegen genommen.

Sie ist verstorben – bei einem Kletterunfall, oben im Gebirge, hatte wohl den verkehrten Fuß gesetzt und ist abgerutscht, weit nach unten in die tiefe Schlucht. Ich weiß, über tote darf man nicht schlecht sprechen, klar, das brave Mädchen in mir meldet sich mal wieder – ich kann auch nicht sagen, ob sie es verdient hatte, keine Ahnung. Keiner verdient den Tod, oder?

Jedenfalls konnte man für sie nichts mehr machen, ihr lebloser Körper hing einige Tage, eine Woche, keine Ahnung wie lange, in einer Felsmauer fest. Sie war unterkühlt, und ich glaube einer ihrer Arme war noch immer nicht aufgefunden worden, bin mir aber nicht sicher: grausames Schicksal, doch genau das zeigt uns, das der Tod überall lauernd, und man ihn nicht herausfordern sollte.

Jeder hat sein Ablaufdatum – ist von Geburt aus vorbestimmt – ist so, man muss damit leben, dass man geboren wird, um zu sterben. Ist hart, klar, doch was soll man machen. Ist es Schicksal oder Bestimmung, keiner weiß es, es passiert, wann es passieren muss.

„Na sieh mal einer an, die kleine Han.“ Joseph baute sich mit seinem Oberkörper vor mir auf, zwang mich regelrecht unter seinem Anwesen zu erschauern. Er war wirklich groß – mindestens zweimal größer als ich, und das ist keines Wegs untertrieben.

„Hannah.“ Entgegnete ich ihm, wenn auch unfreiwillig frech, ich mochte es nun mal nicht, wenn mich Feinde, Menschen die ich verabscheute, Han nannten. Diese Abkürzung meines Namens gab mir ein Gefühl der Bedrängnis.

Jedes Mal, wenn mich jemand mit Han ansprach, fühlte ich mich in die Ecke getrieben. Es war so, dass mich Menschen besser kannten, und das hasste ich an ihnen.

Jeder glaubt, wenn er dich ein wenig kennt … zu kennen. Das ist aber nicht so. Keiner kennt mich wirklich, keiner kennt meine Geschichte, meine Vergangenheit … und somit hat auch keiner, wirklich keiner, das Recht mich Han zu nennen und schon gar nicht Joseph.

Seine Augen bohrten sich in meine ein: wie üblich waren sie mit dunklen Augenringen verziert und mit einem Hauch von Blut unterlaufen – war es nie anders gewöhnt von ihm. Sein Junkie-dasein zerrte an seiner Gesundheit, armes Schwein. Verrecken wird er mal an einer Überdosis Heroin oder was er sonst so bevorzugt … Crack?

Wie eine Mauer stand er vor mir. Luke noch immer im Schwitzkasten haltend. Das Bild erinnerte mich irgendwie an einen Ganovenfilm, hatte sie immer heimlich in Louis Zimmer angesehen, waren wirklich  spannend. Doch ich bevorzugte die guten alten Western-Streifen: Shadowheart war mein Liebling, vor allem der Reiz die Altersbeschränkungen zu umgehen; hatte was an sich, das Leben als zehnjährige.

Ich hatte oft davon geträumt mit einem weißen Schimmel über eine Prärie zu reiten: einen auf harten Kerl machen, obwohl ich Barbies liebte. Im Nachhinein betrachtet war ich nicht wirklich normal, doch wer ist das schon.

Dieser Mann brachte mit Sicherheit, um die Hundertzwanzig Kilo auf die Waage – nicht das er dick war. Nein, im Gegenteil, er war dünn, wenn nicht sogar dürr, doch seine Muskeln dominierten, egal wohin man schaute: auf den Oberarmen, am Oberkörper, auf den Schenkeln, sogar auf seinem Fußrücken.

Wie viele Stunden er wohl im Fitnesscenter verbringt? Falscher Gedanke Hannah, ganz Falsch, meine Vernunft sprach, doch sie konnte ohnehin nichts an meinen Gedanken ändern. Das konnte nämlich niemand.

„Die kleine Freundin.“ Obwohl er Luke nur mit einer Hand fest hielt, konnte dieser sich nicht rühren. Einzig allein sein enttäuschter Blick traf mich. Ich zuckte aber nur mit den Schultern. Ich mein, was hätte ich machen sollen? Abwarten, Tee trinken – hatte keinen-, zusehen wie er umgebracht werden würde, obwohl, genauer betrachtet sah Joseph nicht aus wie ein Mörder, doch wie sehen Mörder eigentlich aus?

Gibt es eine Beschreibung von Mördern: ich mein gibt es ein Bild, wie einer auszusehen hat? Wohl eher nicht: Jack the Ripper, war schon cool irgendwie, wie er als Serienmörder ganz East End in Angst und Schrecken versetzte, doch auch schrecklich, wie ein Mensch dazu fähig ist; kann ich nicht verstehen.

Doch Joseph war kein Mörder. Klar, er war gefährlich, wenn man das Wort genauer definierte und unter die Lupe nahm und dann Joseph damit in Verbindung brachte, war er auch nur ein armseliges kleines Würstchen, was zwar außen einen auf hart machte, im inneren aber eine Memme war; Louis hatte mir genug Geschichten erzählt, dass ich fähig bin, Joseph in zwei Perspektiven zu betrachten.

Einerseits war er der Joseph, der Angst und Schrecken verbreitete, jedoch ohne seine Handlanger machtlos war, schließlich waren Würmchen wie Luke und Jacob, diejenigen, die die Drecksarbeit erledigten. Er … er machte seine Fingerchen nicht schmutzig, dazu war er zu lange im Geschäft: Partner sollten er und Louis mal werden.

Gott, zum Dank hat er abgelehnt.

„Joseph.“ Ich versuchte selbstbewusst und professionell rüber zu kommen: das war immerhin das A und O in dieser Szene – Professionalität, hatte den besten Lehrer. Meine Hände bohrte ich links und rechts in meine Hüfte.

Wir standen nun Angesicht zu Angesicht. Augen, um Auge. Zahn, um Zahn. Ich hatte Null Chancen, alleine, gegen Joseph, doch kampflos wollte auch ich mich nicht breitschlagen lassen.

Ich hatte mich schon einmal erniedrigen lassen, als diese Vollidioten gedacht hatten, entführen wir mal die Kleine, um den Großen, zu bekommen. War eine schlaue Idee von Joseph, stammte vermutlich nicht von ihm, denn so helle ist er nicht. Ich konnte ein leichtes Lachen bei diesem Gedanken nicht verbergen.

„Was gibt’s zu lachen, Schätzchen.“ Er sah mich prüfend an, diesen Blick kannte ich: war nicht schwer zu entziffern – er rätselte, wusste nicht was ich dachte, dummer Junge.

„Las ihn los.“ Mit einer flüchtigen Handbewegung deutete ich auf Luke, welcher mich lediglich mit aufgerissenen Augen und angehoben Augenbrauen ansah. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich, die kleine Hannah, den Mut hatte, so mit Joseph zu sprechen. Doch ich wusste, dass mir Joseph nie etwas tun würde, da war ich mir sicher.

Er wollte Informationen und ich hatte sie, doch ich war immer einen Schritt weiter vorne als er. Jetzt lachte er: laut und hämisch. Was hatte ich auch anderes erwartet? Liebevoll, zuvorkommend, nett? Hätte schön blöd sein müssen.

„Schätzchen.“ Er ließ ihn tatsächlich los, gab ihm aber einen festen Stoß in die Magengegend, dass er nur nach hinten taumelte und zu Boden fiel. „Du Arsch.“ Ich konnte meine Worte nicht mehr zügeln, ich sprach ohne zu denken. Da war sie wieder meine große Klappe.

Luke lag am Boden, kämpfte damit, nicht zu weinen. Schnell lief ich auf ihn zu, um ihn zu stützen. Er tat mir leid, aus einem Grund, den ich selber nicht verstand. „Ach, wie liebevoll. Will die kleine Romanze nicht zerstören, aber ich glaube, die kleine Schlampe hat was, was mir gehört.“

Ein höllischer Schmerz durchlief meinen Körper, Joseph hatte mich an meinen Haaren nach oben gezogen, hielt mich einige Millimeter über dem Boden. Ein Glück, dass ich Mums starken Haarwuchs geerbt hatte, sonst hätte ich in Sekundenschnelle eine Glatze gehabt.

Luke lag noch immer wimmernd am Boden, ich konnte seinen Schmerzen regelrecht spüren, sowie die Wut in ihm, mir nicht helfen zu können: es zerfraß ihn innerlich.

„Also Kleines.“ Nach gefühlten Sekunden hatte ich wieder den Boden unter meinen Füßen, doch der Griff um mein Handgelenk verfestigte sich immer mehr. Joseph hielt mich fest. „Also.“ Fuhr er fort, seine Hand unter mein Kinn gelegt. Sie war dick, fühlte somit die gesamte Kinnfläche mit einem Mal aus. „Wo ist es?“ fragte er, jedoch ruhig und still.

Ich war ratlos, das erste Mal in meinem Leben: ok, stimmt nicht ganz, ich wusste, nicht warum ich entführt wurde, Punkt eins. Punkt zwei, ich wusste nicht, wovon er diesmal wieder sprach, was er von mir wollte.

Es…ich konnte mit diesem Pronomen nichts anfangen. Was es? „Was es?“ fragte ich ihn, doch er lachte darauf nur auf. „Ach, wie süß, die Kleine weiß nicht, wovon ich rede.“ Sein Griff verfestigte sich wieder; hatte nicht mitbekommen, dass er sich jemals verlockert hatte.

„Na gut, wenn da so ist, dann muss ich eben deinem kleinen Freund.“ Er deutete unmissverständlich auf Luke, der noch immer am Boden lag und sich die Hand auf die Stelle drückte, an welcher sich vor einigen Minuten noch die Faust von Joseph befunden hatte. „Die Worte rausprügeln, Schätzchen.“

 

Mein Magen drehte sich um. Er hatte meinen wunden Punkt getroffen…Luke

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