Captured • Luke Hemmings

«Du gehörst jetzt uns, hast du verstanden?» Mein Kopf vollzog eine Tätigkeit, die nicht mehr meiner eigenen Willenskraft unterworfen war; er nickte. «Gutes, Mädchen, so gefällst du uns.» Die Stimme des Unbekannten verzweigte sich mit meinem Inneren und stieß ein Gefühl aus: Vertrauen. «Vᴇʀᴛʀᴀᴜᴇ ɴᴜʀ ᴅɪʀ sᴇʟʙsᴛ – ᴅᴇɴɴ ᴀɴᴅᴇʀᴇ ᴋᴏ̈ɴɴᴇɴ ᴅɪʀ ᴅɪᴇsᴇs Gᴇғᴜ̈ʜʟ ɴɪᴄʜᴛ ɢᴇʙᴇɴ.» Doch es war zu spät; es war hoffnungslos und unwiderruflich geschehen. ©Chrissyssecret, July 2014

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Vєяωιяяυηg: кυяzƒяιѕтιgєѕ Cнασѕ ιη ∂єя ρѕуcнιѕcнєη Aυƒηαнмє.

Angenehme Klänge suchten ihren Eingang in meinen Gehörgang, ich kannte die Melodie – konnte sie sogar langsam mitsummen-, doch von wem sie geschrieben wurde wusste ich nicht mehr: Bach oder Schuhmann, oder vielleicht doch Mozart.

Es war sowieso egal, da jeder einzelne von ihnen Meisterwerke der klassischen Musik geschaffen hatten. Symphonien, Laudazien und Requien – von denen in weiteren hundert Jahren noch gesprochen werden wird.

Ganz im Gegenteil zur heutigen Popmusik: einmal ein Hit, der für einige Wochen die Charts dominiert und danach zur Gänze von der Oberfläche verschwindet. Eintagsfliegen – würde man es mit der Tierwelt vergleichen.

Ich versuchte zweimal zu blinzeln, was sich schwer als gedacht erwies, beachtete man die Tatsache, dass es sich hierbei um einen automatischen Vorgang handeln sollte.

Ein Räuspern gewann meine gesamte Aufmerksamkeit und ließ somit die Musik in den Hintergrund rücken. Oder war sie mittlerweile komplett verstummt?

„Du magst doch Beethoven?“ fragte er. „Fidelio. Eines meiner Favoriten.“ Gab er mit einem breiten Lachen von sich.

Beethoven also, na Hannah, da kennst du dich wohl doch nicht so gut aus, wie gedacht. Gäbe es eine Möglichkeit mein Unterbewusstsein K.O. zu schlagen, hätte ich sie in diesem Moment angewendet.

Ich seufzte. Der Grund dafür war plausibel und einfach erklärt: ich war zugegebener Masen doch nicht wirklich ein Kenner, was die klassische Musik beging. Es war für ein siebzehnjähriges Mädchen auch nicht wirklich üblich, sich für eine derartige Richtung zu interessieren.

Schritte näherten sich. „Geht’s wieder besser?“ Ich wagte einen letzten Versuch, meine Augen zu öffnen. Das Licht brannte in meine Augen, als ich meine Augen endgültig geöffnet hatte, um der Stimme eine Person zu zuordnen.

Ging es mir schlecht?

„Luke?“ fragte ich vorsichtig, da ich mir nicht wirklich sicher war. Die Augen und die blonden Haare deuteten definitiv auf diesen Jungen hin, doch die Stimme, klang anders: verzerrter und rauer.

Vorsichtig setzte ich mich auf, wohl bedacht mich mit meinen Händen links und rechts neben meinem Körper abzustützen, damit ich nicht umkippte. „Luke?“ ich wiederholte meine Frage, da ich auf meine Erste weder eine Antwort, noch eine Bestätigung bekommen hatte.

Er entfernte sich, knetete nervös seine Hände. „Scheise, scheise.“ Murmelte er leise vor sich hin. „Verdammte Scheise.“ Diesmal murmelte er nicht, sondern schrie die Worte und schlug gleichzeitig mit seiner Faust gegen die gegenüberliegende Wand: die weißen Kachelfliesen ergaben einen sterilen Einklang mit dem grauen Marmorboden.

Wo befand ich mich nun hier schon wieder?

Vorsichtig erhob ich meinen Körper vom Boden, und obwohl es nicht mit einem Versuch klappte, gab ich dennoch nicht auf. „Luke.“ vorsichtig tastete ich mich an ihn heran, da er noch immer mit dem Rücken in meine Richtung zu mir stand. „Luke, was ist los.“ Ich tippte auf seine Schulter. „Deine Hand blutet.“ Vorsicht, dennoch bestimmt hauchte ich ihm die Worte in sein linkes Ohr.

Sollte ich Angst vor ihm haben? Doch er war kein Mensch, von dem man Angst haben sollte, das bewies mir mein Bauchgefühl schon so oft. Doch konnte es sich auch täuschen.

Er antwortete nicht – es wunderte mich auch nicht wirklich – warum sollte er mir eine Antwort auf meine nervigen Fragen geben? Würde ich an meiner Stelle auch nicht.

Vorsichtig begann ich unkontrollierte kreise auf seinem Rücken zu ziehen: es sollte ihn Beruhigen. Luzie hat das selbe ständig bei meinem Bruder angewendet, als er noch kleiner war: er hatte ADHS, und immer, wenn er vergaß seine Tabletten zu nehmen, wurde er aufgedreht. Er sprang durch unser Haus und schlug alles was nicht stich- und nadelfest war zu Kleinholz.

Die Zeit damals war wirklich sehr schlimm, für alle beteiligten: außer für Mum und Dad, die waren ja nie zuhause. Ich war zurzeit, als Louis ins Schulalter kam, gerade drei Jahre alt und somit noch zu klein, um die Situation mit einem kritischen Auge betrachten zu können.

Damals war das Verhalten für mich ‘normal‘: heute ist mir bewusst, dass es sich dabei um eine schlimme Krankheit handelt.

Doch ihn beruhigten diese Kreise nicht: ganz im Gegenteil, seine Atmung wurde schneller und sein Herzschlag war zu hören. Geschockt zog ich meine Hand zurück. Mein Herzschlag blieb stehen.

Machten ihn diese Berührungen so viel aus?

„E-e-es tut mir leid. I-i-i-ich wollte dich nur be-.“ Er drehte sich um, durchbohrte mich somit wieder mit seinen blauen Augen. „Ist nicht deine Schuld Hannah, doch bitte berühr‘ mich nie wieder.“ Vorsichtig schob er mich einige Zentimeter von sich weg. Seine Stimme klang verletzt.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

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 „Na, hat‘s geschmeckt?“ Ein energisches Nicken entkam meinem Kopf: ehrlich, dass Essen war köstlich oder wie es Luzie gewöhnt war zu sagen – vorzüglich. Sie hatte durchaus eine etwas gehobene Erziehung genossen: Schmatzen, sowie Rülpsen waren Fremdwörter für sie.

Mir hingegen war es egal, wie ich mich am Tisch benahm, doch für Luzie musste immer alles «perfekt» sein. Vielleicht war ich auch nur undankbar, vielleicht wollte ich es einfach nicht schätzen, vielleicht.

Andererseits machte sie nur ihren Job, wie jeder andere auch: Schlipsträger, Reinigungskräfte und Kassierer – und eben Luzie, sie alle hatten die ein oder andere Gemeinsamkeit – einen Job zu erledigen.

In schnellen Zügen stocherte ich das letzte Stück des Putenfleisches auf die Gabel auf. Es war schon ein bisschen traurig, das allerletzte Stück dieser Köstlichkeit zu verspeisen, doch dafür war es geschaffen worden.

Alleine die Marinade des Fleisches war eine Verwöhnung für jeden einzelnen meiner Sinne. „Ahm Luke.“ Sein Blick fing meinen auf. Was sollte ich nun sagen? „Woher kannst du so gut kochen. Ich mein das Essen, es war köstlich.“ Ich versuchte mich gepflegt auszudrücken, obwohl ich mich an meinem letzten Bissen fast verschluckt hätte. Verdammtes Huhn.

Vermutlich war ich rot angelaufen. Schnell senkte ich meinen Blick, es musste nicht noch peinlicher werden, als es ohnehin schon war. Ich hätte meinen Mund halten sollen, essen und ruhig sitzen. Doch was tat ich: ich fragte und fragte und was kam dabei raus – Müll.  

Sein Blick haftete ununterbrochen auf mir. „Deine Augen sind wunderschön Hannah.“ Verdutzt sah ich ihn an, damit hatte ich nicht gerechnet. Er hingegen zwinkerte mir nur scheinheilig zu und zuckte kurz mit seinen Schulter, als wäre es das Normalste der Welt.

Meine Augen waren nicht schön – nicht so wie seine. Meine ähnelten einem verwaschenen Blauton, während seine hingegen, ein Abbild des Ozeans darstellten.

Plötzlich stand er auf: wir saßen gegenüber am Esstisch – oder Wohnzimmertisch, was auch immer: es war ein Tisch. Was hatte er vor?

Doch bevor ich überhaupt fertig gedacht hatte, reichte Luke mir seine Hand und zog mich hoch. „Komm.“ Mehr sagte er nicht. Wohin sollte ich kommen? Und überhaupt wo war ich? Verdammt.

Es kribbelte. Jede Stelle, die von ihm berührt wurde pochte. Was war das für ein Gefühl? Es war angenehm, dass musste ich zugeben.

„Die Teller.“ Sagte ich. „Müssen wir sie nicht zuerst weg räumen?“ ich versuchte die Situation zu entschärfen und mich von ihm zu entfernen. Ich konnte seine Nähe nicht ertragen.

Er lachte. „Ach Hannah.“ Wieder verschränkte er seine Finger mit meinen. Seine Augen. Ich schluckte. Es war unmöglich meinen Blick abzuwenden, ich war gefangen – wortwörtlich […]. „Das können wir auch später machen.“ Er zog mich näher an sich.

Luke roch so verdammt gut: ich war mir nicht sicher an was es lag, an ihm – oder an dem Parfum was er trug. Es schien teuer zu sein. Armani oder Diesel? Keine Ahnung, doch es passte zu ihm. Womöglich bildete ich es mir auch nur ein, da ich nichts anderes kannte. Er trug es immer – seit dem Tag, an dem … ich entführt wurde.

Wieder bildete sich ein Kloß in meinem Hals. Ich wurde entführt. Er war einer der Entführer. „Luke.“ Ich murmelte seinen Namen. „Wo sind wir?“ ich stelle eindeutig zu viele Fragen, seine Miene verfinstere sich. Meinen Blick hielt ich die ganze Zeit gesenkt, ich konnte ihm nicht in die Augen sehen … in diese unbeschreiblich blauen Augen-, ohne ihnen zu verfallen und den Verstand zu verlieren.

„Komm jetzt.“ Seine Stimme war nicht wie gewöhnlich, sie war enttäuscht. Lukes Griff verfestigte sich. Ein kleiner Schmerz durchfuhr meinen Körper. Ich war wehleidig – schon immer gewesen.

Ich nickte nur. In letzter Zeit nickte ich hauptsächlich. Hatte ich keinen eigenen Willen mehr? Den Anschein machte es wirklich nicht.

Wir gingen durch einen langen Flur – nur ein in die Jahre gekommene Teppich befand sich in ihm. Wo war ich?

Wir stoppten kurz vor einer Holztüre: Buche oder Eiche. Ich machte mir wirklich zu viele Gedanken, vielleicht auch Kastanie. Hannah das interessiert keinen, sagte mein Unterbewusst sein. Ich hasste es, kluge Sprüche: doch wem hilfst? Genau, keinem.

Sein Griff verlockerte sich allmählich. Da er noch immer seinen Rücken zu mir gewandt hatte, räußperte ich mich kurz, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Doch mein Huster glich eher einem Hilfeschrei eines sterbenden Tieres: die Kühe am Bauernhof – ja, wir hatten auch einmal Urlaub gemacht – schrien immer so, wenn sie gerade kurz davor waren, zu sterben – wenn auch meist nicht auf natürlichem Wege.

„Meine Großmutter.“ Nun wandte er sich zu mir, durchbohrte mich mit seinen Augen, ließ dabei aber keine Sekunde meine Hand aus. Ich hingegen starrte ihn unglaubwürdig an – ich musste in diesem Moment ein Bild eines kompletten Vollidioten wiedergegeben haben.

Sein Blick wurde weicher. „Von Gran habe ich kochen gelernt.“ Sagte er. „Sie hat es mir beigebracht, bin ich wirklich dankbar.“ Wieder zwinkerte er.

Es war das erste Mal, dass ich eine meiner Fragen beantwortet bekommen habe.

Unbewusst zog ich meine Lippen nach oben, alleine wegen dem Gedanken meiner eigenen Großmutter. Sie lebt in Irland. «Nana», nannte ich sie immer.  Hatte sie wirklich schon lange nicht mehr gesehen … zu lange.

Meine Eltern wollten keinen Kontakt. Wieso? Warum? Weshalb? Ich weiß es nichts. Einzig allein die Weihnachtskarten und die Glückwünsche zum Geburtstag, ließ sich Nana nie nehmen. Sie schrieb nicht viel, doch das was sie schrieb, kam vom Herzen.

„Sie ist tot.“ Sein Gesicht wurde blasser, als es ohnehin schon war. „Brustkrebs im Endstadium – keiner konnte ihr mehr helfen.“

Ich war geschockt. „Doch es ist ok.“ Luke zwang sich ein Lachen auf die Lippen. Es war erzwungen, das sah man ihm an.

Ich hingegen schüttelte energisch meinen Kopf. „Nein Luke.“ Vorsichtig zog ich ihn in eine Umarmung, er erwiderte. „Nein. Wenn du sprechen willst, ich bin da.“ Ich flüsterte die Worte, denn auch wenn ich wollte, meine Stimme war nicht kräftiger.

Ich fühlte mit ihm.

Erst jetzt erblickte ich, dass am Ende des Flurs noch eine Türe war. Sie war anders, als die anderen.

„Es war ihr Zimmer.“ Luke meldete sich wieder zu Wort, klang jedoch verletzlich. „Es war ihr Wunsch es so zu belassen, wie es war.“ Ich merkte wie er mit seinen Tränen kämpfte, sie jedoch keine Sekunde zu lies.

Es war ihm peinlich.

„Seit dem Tag.“ Seine Stimme wurde immer heiserer. „Seit dem Tag, war ich nicht mehr ihn ihm.“ Nun löste er sich von mir, durchbohrte mich wieder mit seinen Augen. Für ihn war es ein Spiel – für mich jedoch die reinste Qual: ich war diejenige, die durch die Hölle ging.

Die Falten auf seiner Stirn wurden immer tiefer. „Und diese Arschlöcher.“ Jedoch weiter kam er nicht. „Schnell Hannah.“ Er riss die Türe auf und schupste mich im gleichem Atemzug in das Zimmer, sodass ich auf etwas hartem aufprallte: vermutlich dem Boden – Parkett oder Fließen oder doch wieder der altbewährte Marmorboden. „Sei bitte leise.“ Die Türe wurde geschlossen.

Was war denn jetzt bloß in ihn gefahren? Das sollte jetzt wirklich ein schlechter Scherz sein. Doch warum sollte ich leise sein.

„Wo ist sie?“ Diese Stimme kannte ich. Jacob.

Vorsichtig rappelte ich mich wieder vom Boden auf. Klar, es war nicht in Ordnung zu lauschen, doch ich wollte wissen, was los war und da ich ohnehin fast nie Antworten bekam, musste ich mir eben anderswertig helfen.

Luke sagte nichts. „Ok hör‘ zu Arschloch.“ Jacob brüllte. Genauso war ich es von ihm gewohnt. Er versuchte somit alles und jeden in Angst und Schrecken zu versetzen. Manchmal klappte es – manchmal aber nicht.

Ich konnte mir die Situation in diesem Moment gut bildlich vorstellen, auch wenn ich sie nicht sah: Jacob stand vor Luke und bohrte seine Fingerspitzen in sein Unterkiefer. Er tat es immer wieder. Ich spürte den Schmerz.

 

„Sie ist mein Mädchen.“ Die Stimmen wurden leiser – bis sie ganz verstummten. 

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