Das Leben nach der Liebe

´Was kommt wohl nach dem Tod´, fragte ich mich. Ich wusste die Antwort: Nichts. Ich würde sterben, und mich an nichts erinnern. Aber was wäre, wenn du dich von einer Brücke gestürzt hast, und dich daran erinnern kannst gestorben zu sein, aber nicht mehr du, sondern eine andere Person bist?

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2. Mein früheres Ich

Zoey kam langsam auf mich zu, ihre Augen immer noch weit aufgerissen, schaute mich kurz an und wendete sich dann an den Laptop, der vor mir auf dem Esstisch stand.

Ich schaute zu ihr hoch. Mit offenem Mund las sie den Artikel und ich sah, wie sich der Bildschirm in ihren Augen spiegelte.

"Liv", sagte sie als sie fertig war mit lesen. "Du musst zu ihren Eltern gehen, damit du nicht mehr von einer Toten träumst. Dein Leben dreht sich im Moment doch nur um sie." Zoey starrte mich eindringlich an.

"Aber ihre Eltern könnten doch auch gestorben sein", erwiderte ich teils aus Angst, ihren Eltern zu begegnen.

"Ach Quatsch! Die sind jetzt vielleicht um die 60. vielleicht findest du auch diesen Jungen, Kyle oder so. Der ist bestimmt 30 oder 40. Der erinnert sich bestimmt an sie", versuchte Zoey mir fürsorglich klar zu machen.

"Na klasse. Und wie soll ich sie finden?", fragte ich.

"Hmm. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder wir müssen warten bis du von Melanies Haus träumst, oder wir gehen zum Weser Kurier in die Stadt." Zoey schaute tief in meine Augen, als würde sie versuchen, meine Gedanken zu lesen.

Ich konnte ihr das jetzt sowieso nicht mehr ausreden, also willigte ich ein.

"Oh nein", murmelte sie dann. "Ich kann doch heute nicht. Liam wollte schon seit langem mit mir rausgehen. Ich muss heute nach Hannover."

"Ist nicht so schlimm wir können ja an einem anderen Tag gehen...", versuchte ich, aber Zoey widersprach mir sofort: "Nein. Ich will, dass deine Albträume endlich aufhören, das ist doch echt gruselig. Außerdem hast du noch den ganzen Tag Zeit."

Wieder konnte ich Nichts machen. Sie hat mich auf ihre liebevolle Art wieder um ihren Finger gewickelt.

"Na gut."

Zoey musste sich leider sofort fertig machen und gehen, da sie ihren Zug kriegen musste. Ich frühstückte also alleine.

Wenigstens war es warm und die Sonne schien. Es war einer der wundervollen Sommertage in Bremen.

Ich schnappte mir meine Tasche und lief zur Bushaltestelle. Ich musste lange auf den Bus warten. Ich kickte ein paar Kieselsteine mit dem Fuß auf die Straße. Mir wurde aber schnell langweilig, also zückte ich mein Smartphone aus meiner Tasche und schickte Zoey eine SMS.

Hey Zoey,

Ich hätte vielleicht nicht gehen sollen. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache.

LG, Liv

Als der Bus nach zehn Minuten kam, hatte sie mir noch immer nicht geantwortet. Seufzend stieg ich ein und suchte mir ein Platz.

Vor mir saß ein etwas älterer Mann, um die 50. Als er mich nach einer Weile ansprach zuckte ich zusammen.

"Schöne Haare haben Sie", sagte er mit einer tiefen Stimme. Er starrte mich an und ich rückte nervös auf meinem Platz hin und her. Obwohl ich ihn ignorierte stellte er sich vor.

"Hallo, ich bin Skorpion und wer sind Sie?"

Verständnislos starrte ich aus dem Fenster.

"Mein Name ist Stefan und wer sind Sie?"

Ich fühlte mich von den ganzen Fahrgästen beobachtet. Ich spürte wie ich rot anlief und ich fing an zu schwitzen.

Plötzlich legte sich von Hinten eine Hand auf meine Schulter. Ich zuckte erschrocken zusammen und zog Luft ein.

"Hey, ganz ruhig", sagte eine ruhige Stimme. Ich drehte mich um und schaute in die schönsten braunen Augen die ich je gesehen hatte. Es war ein Mann. Ich schätzte, dass er 35 war. Er lächelte mich freundlich an und klopfte mit seiner freien Hand auf den Sitzplatz neben sich. Zögernd stand ich auf. Die Fahrgäste musterten mich neugierig, doch der geheimnisvolle Mann schien ganz locker.

"Was guckt ihr denn alle so? Das ist die Tochter von meinem Freund", sagte er freundlich grinsend.

Ich musste lächeln und setzte mich neben den netten und gutaussehenden Mann.

"Der liebe Herr der vor dir saß ist behindert. Mach dir nichts draus, er spricht jeden an", raunte er mir dann zu.

"Oh", sagte ich überrascht. "Danke."

"Danke wofür?" Er lachte leise.

Ich lächelte ihn an und schaute dann schüchtern auf den Boden. Ich traute mich auch nicht mehr hoch zu schauen, und bemerkte deshalb nicht, dass er an der nächsten Haltestelle schon aufstehen wollte. Er klopfte mir vertraut auf die Schulter und sagte dann: "Ich muss leider aufstehen. Wie war dein Name noch?"

"Liv", antwortete ich und stand auf, um ihm Platzt zu machen.

"Mein Name ist Kyle." Dann fügte er besonders laut, damit auch der Busfahrer es hören konnte hinzu: "War schön dich wiederzusehen, Liv!" Dann stieg er aus.

Mir blieb ein Kloß im Hals stecken und ich setzte mich roboterartig auf den Platz am Fenster.

Er hieß tatsächlich Kyle. Ob das nur ein Zufall war? Ich wusste es nicht.

Ich starrte aus dem Fenster und blinzelte in die Sonne, die langsam hinter weißen Wolken zu verschwinden schien.

Ich träumte so vor mich hin, und hätte fast die Haltestelle verpasst, an der ich aussteigen musste.

Kurz bevor sich die Türen schlossen, stürzte ich mich raus und blieb fast halb ich Bus stecken. Ich sah noch wie der Fahrer mich anfunkelte, dann fuhr er los und ich drehte mich um, um zu der Redaktion zu laufen.

Die Redaktion war nicht weit von der Haltestelle entfernt. Als ich eintrat schien keiner mich zu bemerken. Ich sprach schließlich eine Frau an, die ziemlich freundlich aussah mit ihren großen blauen Augen, den blonden Haaren und dem runden Gesicht.

"Entschuldigen Sie. Mein Name ist Olivia Baker und ich habe ein Problem", sagte ich schüchtern und ich wusste nicht wie ich der Frau klar machen sollte, dass ich von einem toten Mädchen träume und ihr Haus finden muss, damit diese Träume aufhören.

"Oh, was ist denn, Schätzchen?", fragte sie mit einer hohen Stimme und schaute mich besorgt an.

"Ich ... Ähm ... " Ich musste mir schnell was einfallen lassen. "Meine Eltern sind gestorben und sie hatten mir immer gesagt, dass wenn sie irgendwann sterben würden, ich zu den Eltern meines Vaters gehen soll, die wir nie besucht hatten, weil meine Mutter sich nicht gut mit ihnen verstand. Meine Tante hatte sich mit 16 von der Wilhelm-Kaisen-Brücke gestürzt. Ihr Name war Melanie Meyer. Können Sie vielleicht finden, wo sie gewohnt hatte?", fragte ich. Ich dachte schon meine Lüge wäre zu unglaubwürdig, doch ich hatte die richtige Mitarbeiterin ausgewählt.

"Oh nein. Das tut mir so leid für dich", sie legte vertrauenswürdig den Arm um meine Schulter und sagte dann: "Es tut mir unendlich Leid, aber wir dürfen solche Informationen nicht weitergeben."

Ich setzte einen traurigen Blick auf und fragte bemitleidenswert: "Aber wo soll ich denn jetzt hingehen? Können sie mir auch nicht sagen, wo in Bremen sie sich befinden?"

In dem Moment fand ich, dass ich eine ausgezeichnete Schauspielerin war, denn ich klang echt verzweifelt. Vielleicht, weil ich Melanies Eltern wirklich finden wollte.

Die Angestellte seufzte und sagte schließlich: "Na gut. Ich werde dir nur sagen, wo in Bremen sie lebte. Aber das bleibt unter uns."

Ich lächelte traurig und bedankte mich, dann ging sie an einen Computer, der etwas von mir entfernt war.

Ich musste lange Zeit auf sie warten, doch als sie wiederkam, berichtete sie mir, dass sie an der Weser gewohnt hatte.

Ich bedankte mich noch einmal herzlich bei ihr und versprach, dass ich niemandem sagen würde, dass sie mir geholfen hatte.

Dann lief ich los.

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