Ikoko - Die Entscheidung

Ikoko ist ein kleines afrikanisches Mädchen, und gerade mal 9 Jahre alt als sie durch einen tragischen Unfall ihre Familie verliert. Nun steht sie vor der größten Entscheidung ihres Lebens...

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Ikoko

Die Entscheidung

 

Es ist zwar jetzt schon ein Jahr her, doch es fühlt sich an wie gestern. Alles kann ich noch so deutlich erinnern. Manchmal würde ich es gerne vergessen, aber das werde ich wahrscheinlich nie können; Vor einem Jahr, als ich erst neun war, starb meine ganze Familie. Meine Eltern, Geschwister und Verwandten, alle wohnten sie in unserem kleinen namibischen Dorf am Meer. Unser Dorf ist jetzt zerstört. Man hat wieder begonnen alles aufzubauen, aber es wird noch lange dauern, bis hier alles wieder aussieht wie früher. Ich war nicht zu Hause, als mein Zuhause zerstört wurde, war nicht da, als hunderte von Menschen bei diesem schrecklichen Tsunami gestorben sind; ich war mit meiner Klasse in Svakopmund. Ich war vorher noch nie auf Klassenfahrt und es wäre auch alles so schön gewesen – doch als wir zurück kamen, waren von unserem früheren Zuhause nur noch Ruinen übrig. Viele haben wie ich ihre Familien verloren, kaum welche haben überlebt. Es war so schrecklich, dass ich es nicht beschreiben kann.

Ich sehe die Bilder noch vor mir; Alle Häuser waren kaputt, und überall standen die geschockten Überlebenden. Einige suchten im Schutt nach den Verschütteten, andere standen oder saßen einfach da und waren nicht im Stande, zu begreifen, was geschehen war. Ein kleines Baby spielte mit seiner Schwester in den Trümmern. Die zwei waren noch zu klein, um zu verstehen, was geschehen war.

Auch Chanya, meine beste Freundin hat ihre Familie verloren. Nur ihr Uropa hat überlebt. Aber er lebt im Altenheim und kann nicht für sie sorgen. Chanya und ich leben nun in einem Waisenheim. Das Heim liegt etwas außerhalb der Stadt und wurde deswegen nicht beschädigt. Viele Kinder leben jetzt hier im Heim, und es gibt zu wenig Geld, weder vom Staat, noch von einer dieser Hilfsorganisationen. Oft müssen wir hungrig ins Bett gehen, und genug Kleidung haben wir auch nicht. Aber wir haben ein Bett, nette Menschen, die sich um uns kümmern und wir können zur Schule gehen.

 

Ich lag in meinem Bett und konnte nicht einschlafen. Ich dachte an meine Familie und wie es wohl wäre, wenn das alles nie passiert wäre. Chanya schnarchte leise neben mir. Hier im Heim teilte ich mir ein Zimmer mit Chanya. Ich hatte Glück, denn die Kleinen mussten sich oft zu viert ein Zimmer teilen.

Da kam Ana ins Zimmer. Ana ist eine der Helferinnen hier im Heim. Sie ist erst 22 Jahre alt und total nett. Auch Ana hatte es in der letzten Zeit nicht leicht gehabt. Ihr Mann starb bei dem Tsunami, ihre kleine Tochter an Lungenentzündung. Seitdem hilft sie anderen Waisen hier im Heim über die schrecklichen Erlebnisse hinweg zu kommen.

„Schläfst du immer noch nicht?“, fragte sie mich leise. „Nein“, flüsterte ich, „ich muss immer an meine Familie denken...“ Ich wusste, Ana würde mich verstehen, weil sie alles auch miterlebt hatte. „Hier, vielleicht hilft dir das. Ich fand es in den Trümmern“, sagte sie und holt ein Foto aus ihrer Jackentasche. Ich erkannte alles wieder. Das Foto zeigte Maishas ersten Schultag. Sie strahlte. Alle auf dem Bild waren eigentlich glücklich wenn ich mir das Bild genau ansah. Es war kurz vor dem Tsunami, als Maisha in die Schule gekommen war. Ich drückte das Bild an mich, schaute es mir immer wieder an. Darüber muss ich eingeschlafen sein. Als ich wieder aufwachte war es draußen schon hell.

 

Ich machte gerade meine Hausaufgaben, als Ana ins Zimmer kam. Unsere Schule wurde nach dem Tsunami zum Glück schnell wieder aufgebaut. „Du sollst ins Büro kommen, Koko“, sagte sie mit und lächele mir zu. Was? Wieso soll ich denn ins Büro, dachte ich, hatte ich etwas angestellt? „Nichts Schlimmes“, versprach Ana mir, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Auch Chanya sah ein bisschen erstaunt aus. „Komme gleich wieder“, sagte ich zu Chanya und folgte Ana zum Büro der Heimleiterin.

Ana klopfte an der Bürotür. Unsere Heimleiterin Frau Samura öffnete. „Oh, kommt rein. Ikoko, ich habe gute Nachrichten für dich!“ Zwar mag ich es nicht wenn man mich mit meinem vollen Namen anspricht (Ikoko ist viel zu lang, Koko klingt viel besser), aber sonst ist Frau Samura total nett. Wir betraten den großen, hellen Raum und Frau Samura sagte: „Setzt euch doch“, und zeigte auf zwei Stühle. Sie selbst setzte sich hinter ihren riesigen Schreibtisch und blätterte in einer Mappe, bis sie anscheinend gefunden hatte, was sie suchte. „Also“, sagte sie und schaute mich an, „du hast ein fantastisches Angebot erhalten … Eine Familie in Deutschland möchte dich adoptieren! Ist das nicht toll?! Natürlich nur wenn du möchtest.“

Ich wollte sofort alles über diese Familie erfahren. „Die Eltern heißen Sarah und Martin Sommer, sie haben zwei Kinder. Timmi ist drei und Alina fünf. Ach ja, sie haben auch noch einen Hund, einen Labrador, der Luna heißt. Vielleicht willst du ja ein Foto sehen?“ Klar wollte ich! Die Familie auf dem Foto sah sehr nett aus. Aber was würde mit Chanya passieren wenn ich nach Deutschland ging? Würde ich sie dann nie wieder sehen?

Erstmal ging ich zurück in unser Zimmer. Chanya wartete dort schon auf mich und wollte alles wissen. Ich erzählte es ihr und sie war begeistert. „Du musst unbedingt gehen, Koko!“, rief sie, „Das ist ja toll! Mach dir um mich keine Gedanken, so eine Chance kannst du dir doch nicht entgehen lassen. Ich will nicht daran Schuld sein, wenn du nicht gehst!“ „Du hast ja Recht, ich würde auch gerne gehen, aber ich will dich doch nicht alleine hier lassen. Ach, wenn du doch mitkommen könntest ... aber Frau Samura sagt, dass das nicht geht“, antwortete ich. „Du gehst!“, sagte Chanya bestimmt und verschwand im Waschraum. Ich seufzte. Klar, einerseits wollte ich unbedingt gehen, aber meine beste Freundin wollte ich auch nicht verlieren...

Abends, als wir schon im Bett lagen, sprachen wir noch einmal darüber. „Du gehst“, meinte Chanya, „wir können uns ja schreiben und du kannst mich ja besuchen. Ich habe hier auch andere Freundinnen. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich Schuld daran wäre, dass du nicht nach Deutschland gehst!“ „Du hast ja Recht, aber ich weiß trotzdem noch nicht, wofür ich mich entscheiden soll. Frau Samura sagt, ich habe eine Woche, um mich zu entscheiden.“, erwiderte ich und löschte das Licht. Ich lag noch lange wach und dachte nach, doch irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Den ganzen nächsten Tag dachte ich über das Angebot und die Adoption nach. Die Familie war nett, keine Frage. Aber ich wollte auf der anderen Seite das kleine Dorf, in dem ich mein ganzes Leben gewohnt hatte, wo meine Eltern Geschwister und Verwandten begraben waren, wollte meine Freunde und vor allem meine beste Freundin nicht verlassen. Alle sagten, ich sollte gehen, aber ich selbst wusste es wirklich nicht.

Am Nachmittag fragte Frau Samura mich, ob ich mich entschieden hatte. Ich schüttelte den Kopf. „Du hast ja auch noch Zeit“, meinte sie, „so eine Entscheidung ist nicht leicht.“ Ja, das war sie in der Tat nicht.

In der Nacht dachte ich wieder nach. Aber ich kam zu keinem Ergebnis. Nach dem Abendessen kam Ana noch mal ins Zimmer. „Du hast einen Brief bekommen“, sagte sie. „Ich? Bist du dir sicher?“, fragte ich. Wer sollte mir denn einen Brief schreiben? „Ja, der ist für dich“, erwiderte Ana, „hier steht Ikoko Tanmar.“ Sie gab mir den Brief und verschwand wieder. „Na los, mach ihn auf!“, rief Chanya. Ich guckte erst mal auf den Absender. „Absender: Familie Sommer, Lerchenstieg 14, Hamburg“, las ich vor. Dieser Brief war von der Familie, die mich adoptieren wollte! „Lies endlich vor“, bettelte Chanya, „spann mich nicht so auf die Folter:“

Langsam öffnete ich den weißen Umschlag und holte den Brief heraus, faltete ihn auf und las den kurzen Text vor:

 

Liebe Koko, wir würden uns sehr freuen, dich adoptieren zu dürfen. Timmi und Alina freuen sich schon auf dich. Ihr werdet euch sicher gut verstehen! Auch Luna wirst du mögen. Hier gleich um die Ecke gibt es eine schöne Schule, und in der nähe wohnen eine menge nette Mädchen. Du würdest sicher schnell Freunde finden. Wir hoffen, dich bald sehen zu können.

Deine Sarah, Martin, Alina, Timmi und Luna“

 

„Na, gehst du jetzt?“, fragte Chanya. „Ich weiß nicht ...“ sagte ich zögernd, aber dann bestimmt: „Ich gehe! Ich werde dir schreiben. Und ich werde dich besuchen...“ „Ja“, sagte Chanya. Einfach ja. Aber sie klang nicht traurig. Sie klang froh. Sie freute sich mit mir.

 

Die Neuigkeit hatte sich schnell herumgesprochen. Manche waren traurig, andere freuten sich mit mir. Nur Erin und ihre Clique waren froh, mich bald los zu sein. Alle fragten mich, auf welche Schule ich dann gehen würde, aber woher sollte ich das Wissen?

Dayo, ein Helfer hier im Heim so wie Ana, sagte, er könnte mir ein bisschen Deutsch beibringen Ich war froh über dieses Angebot. Zwar konnte ich ein bisschen Englisch, aber Alina und Timmi bestimmt nicht. Zwar war Dayo hier in Namibia geboren und aufgewachsen, aber sein Vater war Deutscher, und er war ein paar mal in Deutschland gewesen. Jeden Tag nach der Schule brachte mir Dayo ein bisschen Deutsch bei. Chanya leistete mir Gesellschaft. Auch wenn sie wahrscheinlich nie Deutsch brauchen würde.

Die Wochen vergingen wie im Flug, Vormittags gingen wir in die Schule, Nachmittags machten wir unsere Hausaufgaben und hatten Deutschunterricht bei Dayo. Abends überlegten wir uns, wie es in Deutschland wohl war; Was gab es da für Sitten, wie sah es aus, wie waren die Leute? Wir dachten auch über die Familie nach, die mich adoptieren wollte. Vielleicht waren sie ja ganz gemein zu mir? Aber als ich meine Befürchtungen Ana erzählte, sagte sie, dass Frau Samura dann ganz bestimmt nicht mich dahin schicken würde. Ich fragte mich außerdem, wann ich eigentlich nach Deutschland sollte. Ich hatte schon ein bisschen Bammel vor meinem ersten Flug, aber das sagte ich keinem. Manchmal versuchten Chanya und ich Deutsch miteinander zu reden, und ich fand, dass das immer besser klappte.

Eines Abens kam Ana zu mir ins Zimmer. „Du sollst du Frau Samura ins Büro kommen“, sagte sie. „Was ist?“, fragte ich beunruhigt. „Keine Ahnung“, antwortete Ana. Wollten die Sommers mich vielleicht doch nicht Adoptieren? Oder nahmen sie vielleicht jemanden anders? Ich warf Chanya einen Blick zu und war sich ziemlich sicher, dass sie die gleichen Gedanken wie ich gehabt hatte.

Schweigend folgte ich Ana die große Treppe nach oben zu Frau Samuras Büro. Ana klopfte und Frau Samura rief: „Herein!“ Als wir eintraten sah sie von ihrem Schreibtisch auf. „Hallo Koko“, sagte sie, „ich habe gute Nachrichten für dich.“ Sie zeigte auf einen Stuhl neben sich: „Setz dich.“ Ich setzte mich und auf einen Wink von Frau Samura ging Ana hinaus und schloss die Tür hinter sich.

„Also“, fing Frau Samura an, „du weißt, dass Familie Sommer dich gerne Adoptieren möchte.“ Ich nickte. „Und nun“, fuhr sie fort, „ist endlich klar wann du fliegst. Dayo wird dich am 15. April nach Windhoek bringen, und von da wirst du direkt nach Berlin fliegen.“ Mein Herz machte einen Hüpfer, die Sommers hatten sich gar nicht um entschieden!

Wenn ich genau nachdachte, hatte das ja auch nie jemand gesagt, ich war die einzige gewesen, die daran geglaubt hatte. Ich war noch nie in Winhoek, Namibias Hauptstadt gewesen. „Darf Chanya-“ „Klar darf Chanya mitkommen“, unterbrach mich Frau Samura. „Du hast außerdem noch eine ganze Woche, um dich von all deinen Freunden zu verabschieden. Geh jetzt.“

Ich sollte mich von all meinen Freunden verabschieden, hatte Frau Samura gesagt. Also ging ich am nächsten Tag mit Chanya hinunter zum Hafen, wo der alte Fischer Jengo in seiner notdürftig wieder aufgebauten Holzhütte wohnte. Er saß auf einer Bank vor seinem Haus und flickte seine Netze. „Ah, da kommt ja meine kleine Koko“, rief er erfreut, als er mich kommen sah, „und Chanya hat sie auch mit gebracht, ach wie nett!“ Wir setzten uns zu Jengo auf die Bank und erzählten im alles, von der Adoption bis zu meinem ersten Flug.

„Schade, dass du gehst“, sagte er, „aber vielleicht ist es besser für dich...“ Ich umarmte ihn ein letztes mal. Jengo war fast wie ein Opa für mich, seit mein richtiger Großvater vor vielen Jahren gestorben war. Er hatte mir schwimmen und fischen beigebracht und er hatte mir meinen Namen gegeben – Ikoko, was kleiner Fisch bedeutet. „Ein kleiner Fisch kann sich aus allen Problemen heraus winden!“, hatte er mir erklärt.

Chanya und ich verließen Jengo und schlenderten durch die Felder zurück zum Heim. Am nächsten Tag besuchten wir Sela, ein kleines Mädchen, die auf einem Bauernhof in der Nähe vom Heim wohnte. Wir hatten viel Spaß, machten in Picknick in den Feldern und ritten abwechselnd auf Selas Stute Kianga.

Am Tag darauf besuchte ich meine Familie auf dem Friedhof. Dieses Mal war Chanya nicht mitgekommen, sie hatte verstanden, dass ich ein letztes Mal mit ihnen allein seien wollte. Am Nachmittag packte ich meine Sachen.

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