Ikoko - Die Entscheidung

Ikoko ist ein kleines afrikanisches Mädchen, und gerade mal 9 Jahre alt als sie durch einen tragischen Unfall ihre Familie verliert. Nun steht sie vor der größten Entscheidung ihres Lebens...

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1. Ein Jahr vorher

1 Jahr vorher

 

Svakopmund Zoo“ stand in großen Buchstaben auf einem Schild über der Kasse. Ja, da wollten wir hin. Es war ein wunderbarer Tag für einen Ausflug in den Zoo, die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und alle Schüler hatten gute Laune. Ich war noch nie in einem Zoo gewesen und auch nicht in Svakopmund. Wir sollten hier drei Tage mit der Klasse sein. Morgen wollten wir in ein Museum und in die Stadt. Ich hatte extra mein Taschengeld gespart. Es war zwar nicht so viel Geld, was ich mit hatte, doch sicher genug um ein paar kleine Souvenirs zu kaufen. Als unser Lehrer die Eintrittskarten besorgt hatte, gingen wir hinein.

Wir kamen auf einen breiten Weg, an deren Seiten Bänke, Eisverkäufer und Souvenirläden standen. Von diesem Weg gingen viele kleinere Wege ab, an denen Schilder wie „Zum Reptilhaus“ oder „Raubkatzengehege“ stand.

„Sind alle da?“, fragte unser Lehrer und zählte durch. Als keiner fehlte fragte er: „Gibt es noch fragen?“ Der kleine Jamal meldete sich. „Sind die gefährlichen Tiere auch ganz sicher eingesperrt“, fragte er ängstlich, „die können ganz sicher nicht ausbrechen?“ Unser Lehrer beruhigte ihn und versicherte, wir würden die wilden Tiere nur durch Gitter sehen. Dann ging er, um unseren Führer zu holen.

Erin kicherte und flüsterte ihren Freundinnen zu: „Sie mal einer an, der kleine Jamal hat Schiss!“ Ihre Freundinnen kicherten hämisch. Jamal wurde rot. Zum Glück kam unser Lehrer gerade wieder zurück. Er hatte einen Zoowärter im Schlepptau. „Das ist Herr Turay“, sagte er, „er ist Pfleger hier im Zoo und wird uns alles zeigen.

Herr Turay ging mit uns zuerst zu den Zebras. Es waren mindestens 20 Stück und sie hatten zwei niedliche Fohlen. Danach ging es zu den Großkatzen. Die fand ich am spannendsten. Jamal machte sich vor Angst fast in die Hose, aber ich fürchtete mich nicht. Die Tiger, Löwen und Leoparden waren eingezäunt und konnten uns nichts tun. Statt Herr Turays langweiligen Vortrag über die Haltung, Fütterung und Herkunft der Tiere beobachtete ich den majestätischen Tiger, der im Gehege auf und ab stolzierte. Es war ein prächtiges Tier, das Fell war geflegt und wenn er das Maul öffnete sah man die spitzen Reizzähne.

„Wow, Chanya, guck mal wie scharfe Zähne der hat!“, flüsterte ich Chanya, meiner besten Freundin zu. Sie nickte. „Und guck mal die Krallen an! Damit zerfetzt er seine Beute!“, wisperte sie begeistert. Während wir über den Tiger sprachen beendete Herr Turay seinen Vortrag. „Jetzt machen wir eine kurze Mittagspause, wo ihr eure Brotpackete essen könnt. Bitte entfernt euch nicht zu weit!“, rief unser Lehrer und wir verteilten uns. Ich setzte mich mit meinen Freundinnen Chanya, Becca und Nia in die Nähe der Raubtiergehege auf eine Bank. Von hier konnten wir sowohl den großen Tiger als auch die Löwenmutter mit ihren süßen Jungen beobachten.

Nach der Mittagspause gingen wir zum Reptilhaus. Dort sahen wir Schlangen, Krokodile und Echsen. Später schauten wir uns Pinguine, Nashörner, Eisbär, Affen, Kängurus, Elephanten und vieles mehr. Abends im Hotel waren wir alle Hunde müde.

Am Tag darauf gingen wir in ein Naturkundemuseum. Es war nicht besonders spannend, außer die Ausstellung über Dinosaurier. Es waren ein paar Skelette aufgebaut deren Größe mich beeindruckte. Chanya fand die Mineralien spannender, denn darunter befanden sich auch Edelsteine. Hinterher gingen wir in den Museumsshop. Ich kaufte einen Mini Dinosaurier für Ayo und einen kleinen blauen Halbedelstein für Maisha. Für Sisi wollte ich später etwas besorgen.

Nach dem Mittagessen durften wir in kleinen Gruppen in die Stadt gehen. „Endlich dürfen wir shoppen gehen!“, freute sich Becca. Als erstes gingen wir auf den Rathausplatz. Heute war Markt, und an einem der vielen Stände kaufte ich ein süßes Armbändchen für Sisi. Für meine Mutter besorgte ich eine Kette mit einem grünen Stein, der im Sonnenlicht glitzerte. Für meinen Vater fand ich ein paar besonders hübsche Angelhaken. So etwas konnte er immer gut gebrauchen.

Als wir weiter die Fußgängerzone entlang gingen entdeckten wir ein großes, dunkelblaues Zelt. Es sah ein bisschen aus wie ein Zirkuszelt. Über dem Eingang prangte ein großes Schild: Orientalischer Bauchtanz. Aus dem Zelt drang orientalische Musik und es duftete Nach Ingwer und Zimt. „Oh, guckt nur! Orientalischer Bauchtanz! So etwas wollte ich schon immer mal sehen“, rief Chanza begeistert und zog uns in das Zelt. Drinnen war eine Bühne augebaut und davor eine Menge Stuhlreihen, wovon etwa die Hälfte der Plätze besetzt waren. „Es kostet nur 50 Dollar“, sagte Becca nicht minder begeistert. Wir kauften die Karten und ergatterten die letzten freien Plätze in der ersten Reihe. Nach und nach füllte sich das Zelt und nach ungefähr zehn Minuten begann die Vorstellung. Neun hübsche, orientalische Frauen kamen herein und knicksten. Sie sahen wunderbar aus. Zu Bauchfreien Tops trugen sie Pluderhosen und Röcke, Münztücher und Pailettentücher in allen Farben. Als die Musik begann fingen sie an zu tanzen und es sah toll aus. Nach ein paar Tänzen kam ein Schlangenbeschwörer auf die Bühne. Er hatte einen Korb mit zwei Pythons mit. Als er auf eine kleinen Flöte zu spielen Anfing kamen sie heraus und bewegten sich im Takt der Musik.

Nach dem Applaus kam der Direktor auf die Bühne und sagte, dass es jetzt einen Bauchtanz Wettbewerb geben würde. „Alle Kinder zwischen 10 und 15 Jahren können teilnehmen! Es ist gratis! Zu gewinnen gibt es dieses Wunderschöne Bauchtanzkostüm“, verkündete er und unter den Ahs und Ohs der Zuschauer wurde ein wunderbares Bauchtanzkostüm auf die Szene getragen. Es glitzerte und funkelte in einem hellen Türkis, und war mit Glitzersteinchen und Pailletten besetzt. Die weiten Pluderhosen und das Bauchfreie Top waren beide mit Münzen behangen, wie auch das Tuch, dass man sich um die Hüfte band. „Da machen wir mit!“, rief Chanya begeistert. Becca und Nia stimmten ihr zu. Nur ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht... Ich kann nicht tanzen“, murmelte ich aber Nia ließ mich gar nicht ausreden. „Kommt gar nicht in die Tüte! Natürlich machst du mit! Und das du nicht tanzen kannst, das kannst du wem anders erzählen.“ „Okay, dann mach ich eben mit“, gab ich auf. Es hatte keine Sinn mit Nia zu diskutieren. Wir gingen also zu dem Direktor auf die Bühne. Ich war erstaunt, wie viele Kinder hier im Zelt gesessen hatten. Es waren fast 50 Kinder auf der Bühne, darunter auch zwei Jungs. (Was wollen die denn mit einem Bauchtanzkostüm?)

Der Direktor sagte uns, wie wir uns hinstellen sollten. „Wenn die Musik losgeht tanzt ihr einfach so gut ihr könnt. Ihr habt ja vorhin gesehen wie es geht“, sagte er. Der hatte gut reden! Ich war mir sicher, dass ich mich total blamieren würde. Chanya sah total selbstsicher aus. Sie hatte sicher gute Chancen zu gewinnen.

Als die Musik anging tanzte ich einfach los. Ich dachte nicht daran, dass mindestens hundert Menschen zusahen, sondern versuchte einfach mich im Takt der Musik zu bewegen, so wie die professionellen Bauchtänzerinnen vorhin. Ich glaube es klappte auch ganz gut, und als die Musik aufhörte war ich ziemlich zufrieden mit mir.

Die Jury (Der Direktor mit den zwei besten Bauchtänzerinnen) zog sich in eine Ecke zurück und besprach, wer gewinnen sollte. Der Direktor hatte am Anfang verkündet, dass die besten zehn aufgerufen werden würden und eine kleine Prämie erhielten. Der Gewinner kriegte natürlich das Kostüm.

Nach einer halben Ewigkeit wie es mir vor kam, rief der Direktor die Namen der Gewinner aus. „Meine Damen und Herren, liebe Kinder! Wir haben uns nun entschlossen, wer der Gewinner dieses wundervollen Bauchtanzkostüms werden soll. Auch die nächsten neun Plätze. Meine Damen und Herren, auf dem 10. Platz haben wir … Ikoko Tanmar und Nia Annezu!“ Was Ich???? Andere waren doch viel besser gewesen! „Los geh schon Koko! Nia ist schon auf der Bühne“, wisperte Chanya mir zu. Schnell rannte ich Nia nach und stieg auf die Bühne. Nia strahlte über das ganze Gesicht, als der Direktor Nia und mir die Prämie überreichte. Es war ein wunderschönes Münztuch. Meines war Sonnengelb und Nias Violett. Nach und nach wurden die anderen Plätze aufgerufen, aber es war keiner dabei, den ich kannte. „Und auf dem 2. Platz haben wir … Jioni Bitangaro!“ Auf die Bühne kam ein schlankes Mädchen mit einem schwarzen Pferdeschwanz. Ich kannte sie nicht, aber jetzt wurde es spannend. Wer bekam den ersten Platz? Ich drückte die Daumen für Chanya, wusste aber, dass auch viele andere gute getanzt hatten. „Und auf dem ersten Platz und damit Gewinnerin des heutigen Tages ist … Chanya Ghana! Herzlichen Glückwunsch Chanya!“ Als Chanya auf die Bühne stieg, glänzte ihr Gesicht vor Aufregung. Glücklich nahm sie das Kostüm in Empfang. Sie hatte es auch wirklich verdient.

 

„Wann sind wir endlich da?“, nörgelte Becca. „Es dauert mindestens noch eine Stunde.“, gähnte ich. Heute fuhren wir leider schon wieder nach Hause. Als ich aus dem Fenster guckte, sah ich Svakopmund in der Ferne liegen. Ich hoffte, die Bustür würde schnell vorübergehen. Um mir die Zeit zu vertreiben blätterte ich in dem Magazin das ich in Svakopmund gekauft hatte. Ich fand einen Artikel über Bauchtanz und schon nach wenigen Zeilen war ich ganz in ihn vertieft. „He Koko, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Chanya. „Häh, was? Ja natürlich“, erwiderte ich verwirrt. Ich hatte sie wirklich nicht gehört. „Wir sind gleich da. Du solltest lieber mal deine Sachen zusammen packen!“

Bald konnte man unser Dorf sehen. Aber was war das? Alles sah ganz anders aus! Ich war mir trotzdem sicher, dass das unser Dorf war. Als wir näher kamen sah ich was los war. Dadurch, dass die anderen Schüler unruhig wurden sah ich, dass ich mich nicht täuschte. Unser Dorf war zerstört. Während wir weg waren. Alle Häuser zerstört. Während wir weg waren.

Auch unser Lehrer hatte es bemerkt. Er sagte es zum Busfahrer, und als wir einen alten Mann auf der Straße sahen, hielt er an. „Was ist passiert?“, fragte der Busfahrer. „E-es w-w-war ein Tsu-Tsunam-mi! E-er hat a-a-alles zerstört. Ge-Gestern Nacht. Nur w-wenige konnten s-sich re-re-retten!“, stotterte er verängstigt.

Plötzlich kriegte ich Panik. Was war mit meiner Familie passiert? Hatten sie sich retten können? Wo sollte ich hin wenn nicht? Schreckliche Gedanken. Und was, wenn sie wahr waren?

Anderen ging es offenbar genauso, denn alle wollten aus dem Bus raus. Unser Lehrer stoppte uns. „Langsam, langsam. Ich weiß, es ist schrecklich, aber wir müssen Ruhe bewahren. Wir werden nach euren Familien gucken, versprochen. Aber erst müssen wir euch in Sicherheit bringen.“

 

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